LI 134, Herbst 2021
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9/11 – Mit Arthur Miller in Paris

11. September 2001. Es ist ein strahlender Herbsttag in Wien, kurz vor drei. Morgen geht es nach Paris; endlich bekommen wir für unser Filmprojekt Inge Morath. Grenz-Räume auch deren Ehemann Arthur Miller vor die Kamera. Das linke Gewissen Amerikas bekommt vom französischen Präsidenten Giscard d’Estaing im Schloss Versailles einen Orden verliehen.
     Newscheck auf CNN. Schock. Was sind das für surreale Bilder aus Manhattan? Es ist ein Terror-Movie in Echtzeit.
Neun Uhr 03 Eastern Time. Hinter der rechten Schulter des CNN-Anchorman rast ein Jet im schrägen Winkel auf den Südturm des World Trade Center zu. Sekunden später ein riesiger Feuerball. Im Hintergrund eine junge männliche Stimme wie im Kino: „Woow! Did you see that?!“ Eine andere schreit entsetzt „Jeeesssus“. Der Nordturm der Zwillingstürme wurde bereits getroffen. Dort gestikulieren Menschen in Stockwerken über einem dunkel rauchenden Einschlagloch. Es sind unheimliche Bilder der Zeit. Ikonographische Embleme der Zeit. Eine einzelne Gestalt schwenkt ein weißes Tuch. Grausame Ironie. Und dann schweben schwarze Punkte wie in Zeitlupe in die Tiefe; es sind Mutige, die einem qualvolleren Tod zuvorkommen. Herzrasen. Es ist, als bekäme der Himmel, die Erde, unser aller Leben einen Riß. Meine Gedanken kapriolen. Was ist mit Miller/Morath? Das betagte Paar flog vergangene Nacht von JFK nach Paris Orly. Übermorgen, am 13. ist unser Dreh angesetzt.
     Anruf im ehrwürdigen Hotel Meurice. Dort meldet sich eine gutgelaunte Inge Morath: „Ja, wir sind gut angekommen, alles in Ordnung. Wir sehen uns ja bald.“ „Inge, Inge, in New York … Schaltet CNN ein.“ „Was ist da?“ Dann: „Arthur, switch on the TV. Something happened back home …“ Sekunden später Miller aus dem Off: „Holy shiiit!!! What on earth …!“ Im Inferno sind drei weitere Passagierjets entführt worden, sollen auf unbekannte Ziele zurasen.

(…)

„Wir haben es - wie öfter in der Geschichte der Menschheit - mit Wahnsinnigen dieser Welt zu tun, die das Bewußtsein im Namen eines höheren Bewußtseins pervertieren. Das ist eine spezielle Form einer Todeskultur, des Sterbens.“ Ruhig und nachdrücklich spricht der Schriftsteller mit Weltruf über das Unfaßbare. Erinnert er sich an einen vergleichbaren Schock? Sein „Ja“ kommt wie ein langgezogener Seufzer. „Die Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki – Geschehen, geschehen, geschehen. Alles wiederholt sich.“
     Die Türme wie vom Blitz getroffen. Schwanken. Zerbersten mit all den noch Lebenden hilflos unter dem Himmel. Die Frage: „Warum?“ fällt zitternd auf den verkohlten Grund hinunter. Dann Schweigen. Gänsehaut. Es sind abgewandelte Worte aus seinen autobiographischen Zeitkurven. Ein entrückter Blick seiner Gefährtin trifft ihn – ihre Leica für Momente in den Schoß gesenkt. Beide wissen: Diese mit dämonischer Präzision ausgeführten Terrorattacken auf die USA kamen nicht aus heiterem Himmel. Das World Trade Center war bereits im Februar 1993 Ziel eines Anschlags, bei dem sechs Menschen starben und an die tausend verletzt wurden. Vor drei Jahren flogen in zwei afrikanischen Hauptstädten US-Botschaften mit mehr als 300 Toten in die Luft. Die CIA soll Informationen eines Terrorangriffs in den USA gehabt haben. Und schon kursieren abenteuerliche Verschwörungstheorien: Die CIA selbst stecke hinter den Anschlägen, dieser logistischen Meisterleistung; al-Qaida wäre dazu nicht in der Lage gewesen. Was meint er? Miller fährt mit der Hand über den Mund. „Wir wissen, daß Desinformation seit jeher zur Kriegsführung gehört. Mehr sollte man in dieser völlig unübersichtlichen Lage dazu nicht sagen.“

(...)

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Im Heft auf Seite 132

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