LI 127, Winter 2019
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Wem gehört Europa?

Von Grenzlinien um das gut gelebte Leben und vom Ressentiment

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GEHEIMGESCHICHTE
Identität erzeugt sich aus etwas Tiefsitzendem, Seltsamem, und die Idee der Sprache liegt in ihrer ganzen Komplexität im geheimnisvollen Zentrum dessen, was es heißt, in der Welt zu leben. Caliban erklärt diesen Zusammenhang im Sturm Prospero mit einem berühmten Aufschrei:

Du hast die Sprache mich gelehrt, und mein Gewinn
Ist, daß ich jetzt zu fluchen weiß. Die rote Pest
Komm über dich, daß du mir deine Sprache gabst!

Die Beziehung zwischen Caliban und Prospero hat im Verlauf der Geschichte viele Formen angenommen, zumeist wandelbare und instabile, voll von Ironien und seltsamen Volten. Beispielsweise findet die Idee, daß ein kleines Land oder eine kleine Nation wohlhabender wird als die große Einheit, von der sich die kleine abgelöst hat, oder vernünftiger, friedliebender, fortschrittlicher, einen Widerhall in der jüngsten Geschichte Estlands, Sloweniens, Kataloniens und – seit dem Brexit – Irlands.
     Auch die Idee, daß nichts einfach ist in dieser Welt voll von Verfassungskompromissen, Loyalitätskonflikten, irrationalen Ängsten, konkurrierenden Identitäten, mißtrauensvollen Zugehörigkeiten, ungewissen Grenzen und unvorhersehbaren Ergebnissen, läßt sich heranziehen, um das zu erklären, was augenblicklich in Katalonien, dem Baskenland, in Irland, Schottland und England geschieht und auch an Orten wie Quebec und den Gebieten, wo die Kurden leben.
Man könnte allerdings sagen, daß dieser Zusammenhang, nämlich der von Identität unter Druck, in der einen oder anderen Form schon sehr lange in der Geschichte nachweisbar ist. Auf eine Art bildet er eine Geheimgeschichte Europas. Und er wird auch kaum verschwinden.
     Gewöhnlich findet man sich direkt damit konfrontiert. Wenn man jetzt nach Barcelona kommt, sieht man die katalanische Unabhängigkeitsflagge von den Balkonen hängen, man sieht große Demonstrationszüge auf den Straßen. Die Argumente für die Unabhängigkeit sind gelegentlich rational, sie beziehen sich auf Steuerpolitik und Fragen der Infrastruktur, aber dann bewegen sie sich auf ein geheimnisreicheres und machtvolleres Feld, wo man nicht mehr logisch argumentieren kann. Die Unterstützer der Unabhängigkeitsbewegung behaupten, daß Katalonien schon seit langem ein Opfer Spaniens ist, so, wie Estland ein Opfer Rußlands war, wie Irland und Schottland lange Zeit Opfer Englands gewesen sind und Slowenien ein Opfer des jugoslawischen Zentralismus war. In Katalonien verstummt die ökonomische Argumentation rasch, und wer den Konflikt mit Spanien begreifen will, muß über Geheimnis und Identität nachdenken, über unsere seltsamen Wurzeln, unsere Gefühle für Raum und Sprache, die um so intensiver sind, als man sie nicht ganz begriffen oder ihnen die Berechtigung abgesprochen hat.

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     So bleibt Europa, obwohl es durchaus stabil ist, weiterhin instabil. Der Wohlstand hat zugenommen, die Möglichkeiten des Lebens sind zahlreicher, aber die Menschen haben nun auch mehr Zeit, um darüber nachzudenken, was sie ängstigt und unterdrückt. Jahrhundertealte Verwurzelung hat nicht zur Zufriedenheit geführt, sondern zur Bereitwilligkeit, sich bedroht zu fühlen von jenen, deren Wurzeln erst neu sind, oder von einer schwer zu benennenden, diffusen Macht (die sich andererseits nur allzuleicht als Brüssel oder Berlin bezeichnen läßt).
     Das Gefühl des Wohlstandes, der ein wichtiger Teil dessen ist, was Europa geleistet hat, spiegelt sich auf merkwürdige Weise in einer Dürftigkeit, die tief in der Seele empfunden wird. Während mit Ausnahme Irlands und des ehemaligen Jugoslawien seit 1945 Frieden in Europa herrscht, hat dieser Friede nicht in allen Geistern Einzug gehalten. Viele Europäer fühlen sich unfrei, es gibt Menschen mit europäischen Pässen, die unruhig und mißtrauisch leben. Menschen, die sich in Spanien oder Irland oder im Vereinigten Königreich oder ganz allgemein in der Europäischen Union als Fremde fühlen, als Opfer einer Macht im öffentlichen Raum oder außerhalb seiner.
     Es ist dies keine gute Zeit, um von Europa Mitleid zu erwarten. Europa richtet seinen Blick nach innen. Europa hat Mitleid mit sich selbst. Das erste Europa ist seinem Wesen nach neurotisch.

DAS ZWEITE EUROPA
Katalonien ist jetzt in der Frage der Unabhängigkeit gespalten: fünfzig zu fünfzig. In manchen Städten und Dörfern beträgt die Unterstützung für die Trennung von Spanien hundert Prozent, aber Barcelona bleibt ein Schmelztiegel. Die Bevölkerung Kataloniens umfaßt 7,5 Millionen Menschen, Barcelona hat eine Bevölkerung von 3,2 Millionen. Die Zunahme der Bevölkerungszahl und die wachsende Diversität der Stadt sind das Ergebnis zweier Zuwanderungswellen. Die erste kam in den sechziger und frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. 1975 waren bereits 44 Prozent der Menschen in Barcelona außerhalb Kataloniens geboren. Die zweite Migration nach Barcelona, die seit den neunziger Jahren stattfindet, hat internationalen Charakter. 2016 waren 16,6 Prozent der Menschen in der Stadt Ausländer, ich meine damit: Leute ohne spanischen Paß.
     Die erste Welle bedeutete, daß in Katalonien viele Menschen lebten und arbeiteten (und auch dort bleiben wollten), die keine katalanischen Wurzeln hatten und nicht die starken Gefühle kannten, welche die Katalanen mit Fragen der Identität und Nation verbinden; sie waren durchaus damit einverstanden, daß Katalonien eine gewisse politische Autonomie innerhalb Spaniens bekam, was die Verwaltung der Region erleichterte, sahen aber keinen Anlaß, für eine völlige Unabhängigkeit von Spanien zu stimmen.
     Die zweite Welle umfaßte viele Lateinamerikaner, aber die Statistiken sind schwer zu interpretieren, da ein Lateinamerikaner schon nach zweijährigem Aufenthalt in Spanien die Staatsangehörigkeit erhalten kann, während Flüchtlinge fünf Jahre und alle anderen zehn Jahre brauchen. Die Zahl der Asiaten, vor allem Chinesen und Pakistanis, stieg in Barcelona von 42 000 im Jahr 2007 auf 67 000 im Jahr 2016.
     Es ist diese letzte Statistik, die mich nun interessiert. Die, welche das zweite Europa erhellt.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts haben sich die Katalanen über die Innenstadt von Barcelona beklagt: die ungesunde Luft, das Unmoralische, das Gefährliche. Das Ziel des Mittelstandes war es, weiter und weiter weg vom Hafen zu ziehen und den zentralen Bereich der Stadt den Einwanderern zu überlassen sowie in den letzten drei Jahrzehnten den Horden hungriger, lauter Touristen. Der einzige Anlaß für die Oberschicht, heute diesen Teil der Stadt aufzusuchen, ist ein Besuch im Liceu, dem Opernhaus.
     Eines Abends vor einigen Jahren trat ich in der Pause einer Opernaufführung, als sich an der Bar eine lange Schlange gebildet hatte, aus dem Nebeneingang auf die Straße, um zu sehen, ob es in einer Bar nahebei nicht rascher gehen würde. Ich fand mich auf einer schmalen Straße namens Carrer Sant Pau. Die meisten Leute dort waren Pakistaner. Während der nächsten Tage ging ich ein paar Mal diese Straße auf und ab und stellte fest, daß sie sich aus einer abgewohnten, schäbigen, irgendwie gefährlichen Straße verwandelt hatte in eine, die voller Geschäftigkeit war, voller pakistanischer Friseure und pakistanischer Supermärkte und Fleischereien und Handyläden. Die Pakistaner auf der Straße waren vorwiegend Männer. Viele von ihnen, erfuhr ich, verlassen kaum je diese Straße oder die wenigen umliegenden Straßen. Diese Straße ist ihre Stadt.
     Bald entdeckte ich, daß in der Nähe eine Moschee stand, und außerdem, daß die Pakistaner einen anderen Namen für die Rambla del Raval haben, den neuen Boulevard, der angelegt worden war, um offenen Raum in diesem dicht bevölkerten Stadtviertel zu schaffen. Sie nannten sie die „Rambla der Traurigkeit“, und sie war der Ort, an den die männlichen Pakistanis gingen, wenn sie Heimweh empfanden oder Probleme hatten, wenn sie Hilfe brauchten. Wenn sie auf einer der Bänke sitzen, wird jemand aus ihrem Land kommen und sie in ihrer eigenen Sprache ansprechen.
     Es liegt eine immense Distanz zwischen einem dieser Männer, die wartend auf einer Bank in Barcelona sitzen, und jemand anderem in der Stadt, der für die katalanische Unabhängigkeit stimmt und demonstriert, der jenes seltsame Gefühl hat, das mit Familie und Identität zu tun hat, mit der Sprache, dem Ort, dem Erbe, und der diese Dinge in eine politische Gewißheit überführen möchte. Wenn wir einen Tag im Leben zweier Männer desselben Alters hier in ein und derselben Stadt verfolgen würden, von denen einer katalanischer Herkunft ist, der andere pakistanischer, dann würden wir feststellen, daß jeder einzelne Augenblick im Leben dieser beiden Männer jeweils verschieden ist. Straßenecken wären für den Katalanen vertraut, für den Pakistaner Anlaß zur Vorsicht. Dem Katalanen wäre es möglich, seine Familie über hundert Jahre zurückzuverfolgen – nicht nur durch Erzählungen, sondern durch Dokumente und Gegenstände, vielleicht sogar durch Eigentum an Immobilien. Für den Pakistaner in Barcelona ist die Vergangenheit eine einzige Erzählung, und zwar eine Erzählung von Brüchen, Bewegungen, Entfremdungen.
     Im Jahre 2018 kamen 4,4 Prozent der Bevölkerung der Europäischen Union von außerhalb der Union. Wenn ich als Romancier beginne, dieser Tatsache nachzuträumen, geschieht etwas Interessantes. Schriebe ich einen Roman über eine irische Familie mit Wurzeln tief in Irland (oder eine vergleichbare estnische, slowenische, katalanische Familie), dann wäre ich mir nicht so sicher, ob da genügend Dynamik des Lebens vorhanden wäre, um einen Roman zu nähren, genügend Konflikt, genügend Geheimnis. Ich wäre geneigt, mich eher auf die Sprache selbst zu verlassen, auf das von mir verwendete Grundmaterial, um die Last dessen zu tragen, was sonst von der Handlung übernommen würde oder den Charakteren. Ich würde lieber mit Form und Struktur spielen, als zu versuchen, die Einzelheiten der Psychologie und des täglich sich wiederholenden Lebens von Menschen auszuarbeiten, die an einem Ort zu Hause sind, so sehr zu Hause, daß sie möchten: Die Nation, in der sie sich aufgehoben fühlen, möge auch der Staat sein, an den sie Steuern zahlen.
     Mit anderen Worten: Ich würde mich eher an Beckett orientieren als an Balzac.
     Doch wenn ich die Gesichter der Neuankömmlinge aus Pakistan auf der Carrer Sant Pau oder den umliegenden Straßen in Barcelona mustere, begreife ich, daß hier eine Geschichte verborgen liegt, möglicherweise eine komplizierte, eine, die zum zentralen Märchenfundus der europäischen Volkserzählungen gehört, weil darin eine Reise ihre Rolle spielt, eine Reise mit Hindernissen und Gefahren, eine Reise, an deren anderem Ende ein Versprechen liegt.
     Daß die Einwanderer kein Katalanisch sprechen und vielleicht nur ein rudimentäres Spanisch, bedeutet, daß sie, was viele Zonen in ihrem eigenen Geist angeht, in ihrem eigenen Land geblieben sind. Weil sie nicht die größere Welt bewohnen mit den vielschichtigen Assoziationen, welche die sie umgebenden Katalanen haben (die engere Familie nahebei, enge Freunde, alte Freunde, alte Arbeitskollegen, alte Liebesbeziehungen, einstige Mitarbeiter, alte Nachbarn, alle in derselben Stadt), werden ihre Beziehungen oft intensiver sein und ihre Reaktionen auf das Leben unerwarteter und geheimnisvoller.
     Und wie sie sich zu anderen in Beziehung setzen, wie sie reden, wie ihre Sprache sich verändert, wovon sie träumen, was sie erhoffen, was sie befürchten, wie sie sich erinnern, all dies dürfte mit wechselvollen Zügen und Momenten angefüllt sein, die noch nicht in die Literatur eingegangen sind und auf ihren Moment warten.
     Dieser Moment könnte jedoch ausbleiben. Wir haben beispielsweise kaum irgendwelche Literatur, die von irischen Einwanderern der ersten Generation in Amerika verfaßt worden wäre. Diese Leute waren zu beschäftigt, um Schriftsteller zu werden. Die nächste Generation wurde dann zu Eugene O’Neill und Mary Gordon und Alan McDermott, so, wie wir in England Zadie Smith und Monica Ali haben, Hari Kunzru und Hanif Kureishi. Niemand von diesen Autoren hat von der ursprünglichen Schärfe der Erfahrung des Fortgehens und Ankommens geschrieben – deshalb war die Rolle von V. S. Naipaul in der englischen Literatur so wichtig und außergewöhnlich. Meist blieben die Geschichten mündlich und verblaßten. Später, als wir sie brauchten, mußten wir sie uns erst wieder ausdenken.
     V. S. Naipaul nannte sein zweites Buch über Indien A Million Mutinies Now. Ich liebe diesen Titel, und mir gefällt die Idee, daß überall in Europa Leute durch unsere Straßen gehen, deren Träume, deren inneres Leben jenseits unserer Vorstellungen liegen und noch nicht beschrieben worden sind, Leute, deren Leben seltsam und geheimnisvoll bleiben wird, bis dann die nächste Generation kommt, bewehrt mit Erziehung und einem Gefühl gleichwertigen Bürgerrechts, das die Eltern niemals hatten. Diese Generation wird ihre ganz eigene Lektüre haben, welche ihren eigenen Stil prägt. Sie wird sich von der Volkserzählung zum literarischen Roman voranbewegen. Sie wird sich danach sehnen, über die Straßenecken hinaus vorzudringen, an denen ihre Eltern vorsichtig wurden. Sie sind dann ebenso Beckett wie Balzac geworden.

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In den europäischen Städten gibt es damals wie heute Leute mit Jobs und Hypotheken, mit Autos, richtigen Kreditkarten, Leute, die Familien gründen und Urlaubsreisen planen; es gibt Singles, die samstags shoppen gehen, samstagabends tanzen und die Lifestyle-Beilagen der Sonntagszeitungen lesen. Dies ist das dritte Europa, und seine Bürger gehen auf den Straßen an anderen vorüber, die ihre Welt durch Dienstleistungen in Gang halten, die eine Stellung als Rausschmeißer oder als Putzkraft suchen, die bei Bedarf die Straßen aufgraben, die Taxi fahren, die alle möglichen Hilfsarbeiten übernehmen, welche wöchentlich oder täglich bar bezahlt werden. Leute, die oft illegal existieren, die sich mit den Finessen des Einwanderungs- und Asylrechts vertraut machen müssen.
     Es war immer möglich, in den wohlhabenden Ländern billige Arbeiten zu verrichten, doch in diesen Jahren vor 2007, als Rumänien der EU beitrat, war die Frage der Arbeitserlaubnis und der Aufenthaltsgenehmigung dringlich. Das Dubliner Übereinkommen trat 1990 in Kraft. Es legte fest, daß jeder, der als Flüchtling anerkannt werden wollte, seinen Asylantrag in dem ersten EU-Land stellen mußte, das er erreichte. Mein Freund lebte schließlich in Paris, weil er dort seinen Antrag stellte. Er hatte kein besonderes Interesse an diesem Ort, doch mußte er wieder dorthin ziehen und sich dort um seine Papiere bemühen, weil er sich in der EU zuerst hier gemeldet hatte.
     Wir teilen uns den Kontinent mit Millionen von Menschen, die gelernt haben, wie man mit den Gesetzen spielt, die Jahre in der Illegalität verbracht haben, die Methoden gefunden haben, die Bürokratie zu umgehen, Verzögerungen herbeizuführen, in ein anderes Land innerhalb des Schengen-Raumes zu ziehen. Das Schengener Abkommen entstand 1985 und wurde 1997 ergänzt, als es Teil des Amsterdamer Vertrags der EU wurde, wobei Irland und das Vereinigte Königreich eine Ausnahmeregelung für sich beanspruchten.
     Wer von außen nach Europa kam, lebte unter zwei Regeln. Die eine war das geltende Recht, doch das bewegte sich so langsam und ineffizient, daß an seine Stelle eine Reihe schweigender Übereinkünfte trat, das zweite Regelwerk. Jedes Land in Europa brauchte billige Arbeitskräfte und eine Auffrischung seiner Bevölkerung. Kein Land in Europa hatte jedoch eine Regierung, welche diese nackten Tatsachen den Wählern zumuten konnte – die Tatsachen bezüglich einer alternden Bevölkerung, bezüglich der Notwendigkeit, Arbeitskräfte ins Land zu lassen, welche schlechtbezahlte Dienstleistungen übernehmen und die Krankenhäuser und Hotelzimmer reinigen würden und die Küchen der Restaurants, welche das Obst pflücken und die Ernten einbringen würden, welche nachts in den Altenheimen wachen und die Kinder beaufsichtigen würden.
     Jedermann, der sich in diesen Bereichen auskannte, war klar, daß Arbeitskräfte dringend gebraucht wurden, aber deren Rechte waren stark eingeschränkt. Sie mußten sich in einer langsamen und mühseligen Prozedur in das System einarbeiten, um Papiere und einen sicheren Status zu erlangen, eine Arbeitserlaubnis, eine Aufenthaltsgenehmigung. Die Langsamkeit des Systems, sein labyrinthischer Charakter und seine ständige Regelveränderung schienen so absichtlich wie unabsichtlich. Unabsichtlich insofern, als all dies das Ergebnis vieler Kompromisse und Übereinkünfte zwischen vielen verschiedenen Behörden verschiedener Regierungen war. Absichtlich, insoweit es vielen Arbeitgebern gestattete, die Arbeitskraft von Menschen zu verwenden, die in einer juristischen Grauzone lebten, und vielen Migranten eine Chance gab, sich mit dem System zu arrangieren und all die Hindernisse zu umgehen, die zwischen ihnen und vollständigen Bürgerrechten standen. Diese Menschen leben im zweiten Europa. Ihre Geschichten werden wir nie erfahren.

(...)
 

 

 

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Mehr von:
Colm Tóibín
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 11
Aus dem Englischen von Joachim Kalka

Genre

Hauptthema
  • Faktoren und Mechanismen der Inklusivität und der Ausschließung in Europa

Schlagworte

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