LI 152, Frühjahr 2026
Lubjanka 222
Sowjetische Schriftsteller der Revolutionsepoche und ihre HenkerElementardaten
Genre: Historische Betrachtung, Literaturgeschichte
Übersetzung: Aus dem Französischen von Joachim Kalka
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Textauszug
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Die Eliminationsmaschinerie lief auf Hochtouren. Stalin zeichnete mit einem knappen, distanzierten, billigenden Vermerk jeden Tag die getippten Listen der zum Tode Verurteilten ab, die mit der nüchternen Überschrift auf seinen Schreibtisch kamen: „Liste der Personen, die vor das Militärkollegium des Obersten Gerichtshofs der UdSSR vorgeladen wurden“. Die Menschen starben wie die Fliegen. Das Datum, an welchem die Ausstoßung Pilnjaks verkündet wurde, um den 20. Juli 1937, erlaubt den Schluß, daß er das Schicksal seiner Freunde kannte, seiner vor ihm verschwundenen Kollegen, die er früher gekannt hatte, mit denen er jetzt umging – und insofern wußte, was ihn erwartete.
Christian Rakowski, verhaftet am 26. Januar 1937. Alexander Woronski, verhaftet am 2. Februar 1937. Pawel Wassilijew, Dichter, verhaftet am 7. Februar. Juri Sergejewitsch Jessenin, 22 Jahre alt, der Sohn des von eigener Hand geendigten Dichters Sergej Jessenin, verhaftet am 8. März. D. S. Mirski – der Fürst Dmitri Swjatopolk-Mirski – verhaftet im April (seine Anthologie der neuen englischen Dichtung erschien in Leningrad nach der Arretierung des Autors). Michail Gerassimow, Dichter, verhaftet am 16. Mai 1937. Boris Guber, Dichter, verhaftet am 20. Juni … Lediglich Rakowskis Verhaftung wurde öffentlich bekannt, da er auf dem Programm eines Schauprozesses stand. Die anderen fielen geräuschlos durch die Falltür. Niemand stellte Fragen. Der Sohn Jessenins, der Verschwörung bezichtigt, saß einige Wochen lang in derselben Zelle wie einer der Gründer der Kommunistischen Partei Palästinas, ein Jude aus Krakau (es war dies ein Kommunist, der sich einen gewissen Humor bewahrt hatte: Er fragte sich, wie die UdSSR ihr Budget im Rahmen halten konnte, da sie doch so hohe Ausgaben für Gefängnisse und Lager hatte). Juri Jessenin, der älteste Sohn Sergeis, war von der letzten Gattin seines Vaters aufgezogen worden, einer Enkelin von Leo Tolstoi. Diese Verwandtschaft verhinderte nicht, daß er verhaftet und mit haltloser Begründung verurteilt wurde (er habe eines Tages betrunken erklärt, „wenn man den Kreml in die Luft jagen würde, wären alle Probleme Rußlands gelöst“ – keine schlechte Idee, doch man zahlte einen Preis dafür, sie zum Ausdruck zu bringen). Alexander Woronski, Boris Guber und Juri Jessenin standen auf ein und derselben Liste vorgeladener Personen, von Stalins Hand unterzeichnet, und wurden im selben Schub hingerichtet, am 13. August 1937, Nummer zwölf, 16 und 23.
Zweifellos erfuhr Pilnjak, daß sein Übersetzer in Spanien, der katalanische Revolutionär Andrés Nin, am 16. Juni 1937 in Barcelona verhaftet worden war (das stand in der Prawda – nicht jedoch, daß er von russischen Agenten mitgenommen und totgefoltert worden war).
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Und er wußte im wesentlichen, was Pilnjaks Schicksal gewesen war.
Doch mußte man, um die Einzelheiten seines Schicksals zu erfahren, das Ende der achtziger Jahre und den Beginn der neunziger Jahre abwarten, diesen kurzen Zeitraum, der auf das Ende der alten Diktatur folgte – und in dem sich die neue Autokratie noch nicht herausgebildet hatte, die knappe Zeit, da die Erinnerung der versunkenen Welt auferstand und ans Licht kam. Der Mann, dem wir diese Enthüllung verdanken, hieß Witali Schentalinski. Er war ein Dichter, ein Bewunderer von Jules Verne und Kapitän Nemo. Ein Liebhaber der Natur, der seine Jugend in Tatarstan im Distrikt Tschistopol verbracht hatte und später Funker einer Polarstation der Region Kolyma wurde. Sein Kreuzzug für die Wahrheit begann im Januar 1988. „Da ich nie Mitglied der Partei gewesen war, hatte ich nichts mit ihr zu schaffen.“ Mit großer Anstrengung gelang es ihm, die Tür zu den Archiven des KGB aufzubrechen, begünstigt von dem historischen Augenblick, den wir Gorbatschow verdanken.
Die Polizeiakte über Boris Pilnjak ist dick. Doch die Tatsachen lassen sich in wenigen Zeilen zusammenfassen. Pilnjak wurde am 28. Oktober 1937 verhaftet, seine Manuskripte beschlagnahmte man. „In einer Stunde sind Sie wieder zu Hause“, sagte man ihm. Die Verhöre begannen dann erst am fünften Tag. Pilnjak schrieb einen Brief an Jeschow und erhoffte sich eine Geste des Mitgefühls im Tausch gegen ein Geständnis. „Mein Leben und meine Handlungsweisen zeigen, daß ich in all diesen Jahren ein Konterrevolutionär war … Wenn man mir erlaubt, am Leben zu bleiben, … würde ich für den Rest meiner Existenz loyal sein …“ Dies blieb ohne Wirkung. Immer wenn seine Verhörer ihn aus der Zelle holten, redete Pilnjak, redete, redete. Die anderen hielten es fest. Auf diese Weise zeichneten sich die Umrisse der imaginären Verschwörung ab, deren Mittelpunkt er bildete, der Roman seiner Geständnisse.
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