LI 134, Herbst 2021
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Danse macabre

Die Puppen des Michel Nedjar und die Stimmen des Unaussprechlichen

Noch heute ringe ich um die passenden Worte, wenn ich beschreiben soll, was ich bei meinem ersten Besuch in Michel Nedjars Atelier im Pariser Quartier von Belleville 1987 empfand: Ich war verblüfft, gebannt, betäubt, ehrfürchtig, überwältigt. Meinen anfänglichen Eindruck faßte ich so zusammen: „Setzt man den Fuß in Nedjars Mansardenwerkstatt, ist es, als würde man in die Kapuzinergruft von Palermo eindringen. In diesem Reich herrscht eine scheinbar natürliche oder sogar alchemistische putrefactio. Man ist umringt von unzähligen ‘Puppen’; die Bandbreite reicht von kleinen mumienartigen Pappmaché-Objekten zu grotesken Tieren, von Teufelsköpfen und augenlosen Sorgenmasken bis hin zu verschleierten totenähnlichen Lumpenpuppen. Diese Kreationen aus Abfall, Müll und Stoffresten sind häufig verdreckt, voller Spritzer und Flecken, manche in Schlamm- oder Färbebäder getaucht. Monster aus der Erde oder der Unterwelt. Die Wirkung auf den Betrachter – vielleicht sollte man eher sagen, auf den Mitwirkenden, denn diese Wesen sollen berührt werden, und fällt es einem noch so schwer – ist schon verstörend genug. Ich meine die Wirkung jeder einzelnen Puppe. Die Wirkung der gesamten Szenerie dieser Werkstatt, dieser Matrix der Schöpfung (die Massierung ist mitverantwortlich für den Eindruck von Monstrosität), ist jedoch für die in ihre Mysterien Uneingeweihten beinahe unerträglich. Nedjars Atelier kann durchaus als eine Art Erinnerungstheater der Verdammten und seine Puppen können als Doppelgänger unserer eigenen Person verstanden werden. Dennoch verweigern sie sich uns. Ihre Augenhöhlen sind leer, die Puppen können uns nicht sehen, aber wir sind umringt von ihnen, ihrer stummen und blinden Nähe, und das ist besonders irritierend. Verstärkt wird die Wirkung von Nedjars eigenen Kreationen noch zusätzlich durch seine Sammlung von Fetischen, Talismanen, Amuletten, gris-gris und Zauberpuppen aus der ganzen Welt.“

 

Monster im Keller
In all den Jahren meiner Jugend haben es meine Eltern – jüdische Überlebende der Ghettos und Todeslager in Polen und Ungarn – immer vermieden, über den Holocaust zu sprechen, obwohl es zuhauf Hinweise gab: eine versteckte, in einem ernsthafteren Ton als üblich geflüsterte Andeutung; ein mir diskret vorenthaltenes Foto; die auf den Armen bestimmter Freunde der Familie eintätowierten Nummern. Meine Eltern wollten mich vor dem Grauen der Welt beschützen, ließen jedoch den Keller in unserem Haus, vor dem ich wirklich Angst hatte, außer acht. An Wochenenden, während meine Eltern ausschliefen und ich allein im Wohnzimmer war, wo sich der Kellereingang befand, verschloß ich zwanghaft und beharrlich dieses Tor zur Unterwelt. Ich war mir sicher, daß sich im Keller Monster aufhielten. Ich hatte keine Ahnung, was für Monster das sein mochten, noch, wie viele es waren oder was sie im Schilde führten, aber sie waren da. Auch wenn sie sich nicht zeigten, auch wenn sie (ganz der Logik von Träumen folgend) nie die Treppe erklommen und ins Haus drangen, warteten sie unten. Und selbstverständlich bin ich nie die Treppe hinuntergestiegen, um ihre Behausung zu betreten. So begann meine Faszination mit Monstern, die mein ganzes Leben andauerte und viele Formen angenommen hat. Ihre endgültige Form fand dieses Grauen, diese Faszination schließlich, als ich Nedjars Puppen entdeckte.
     Monster offenbaren die Grenzen der Phantasie. Sie sind Avatare der Vorsehung, der Unreinheit, der Irrlehren, der Abscheu, der Mutation, der Metamorphose; sie sind ein Wunder, Geheimnis und Rätsel. Die Logik der Monster ist eine Logik der Akzidentien, nicht von Wesenheiten; von Eigenheiten, nicht von Idealbildern. Sie zeitigen Erscheinungsformen des Andersseins und der Verschiedenheit in extremis. Als singuläre Repräsentationen des menschlichen Körpers bringen Monster die natürlichen und psychischen Kategorien zum Einsturz, stiften Verwirrung durch ihre Entstellung und Deformation. Die Formen von Monstern, soweit sie sich überhaupt kategorisieren lassen, zeichnen sich aus durch Zufälligkeit, Unbestimmtheit und Gestaltlosigkeit; durch materielle Unvollkommenheit, grundsätzliche Vieldeutigkeit und ontologische Instabilität. Monster können durch Hybridisierung, Hypertrophie oder Hypotrophie entstehen; durch Mangel, Überschuß oder Vervielfältigung; durch den Austausch von Elementen, die Verwechslung von Spezies, die Verschmelzung von Geschlechtern und die Vermischung natürlicher Reiche (der Tiere, Pflanzen und Minerale). In diesem Karneval der Formen, den Katastrophen des Fleisches erkennen wir das ursprüngliche Grauen einer noch nicht im Kosmos gebetteten, sondern chaotischen Welt, nicht einen prächtigen Körper, sondern eine abnorme Ausnahme. Auch wenn jedes individuelle Monster einzigartig ist, in seiner Form von absoluter Seltenheit, ist Monstrosität allgegenwärtig: Monster versinnbildlichen die Anarchie der Instinkte und den Terror der Rationalität, entspringen Bereichen, die sich allem Verstehen verschließen. Sie neigen zur Randexistenz und sind letztlich Indikatoren für erkenntnistheoretische Verlagerungen. Solch radikale Zersetzungen schaffen eine neue Ikonographie des Todes, in der sich in einem unklaren Moment der Existenz der einzelne Körper in tellurisches Chaos auflöst oder das Makabre durch eine regenerative Fruchtbarkeit ausgeglichen wird. In diese Ikonographie gilt es, Nedjars Poupées einzuordnen.

(…)

Zeichenanzahl Exzerpt: 
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Mehr von:
Allen S. Weiss
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 110
Aus dem Englischen von Thomas Stegers

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