LI 041, Sommer 1998
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Letzte Verteidigungslinie

USA - Ketzerische Bemerkungen eines linken Konservativen

Christopher Hitchens Wie stehen Sie zum berühmtesten Sohn des Staats Arkansas?
Norman Mailer Clinton ist sehr helle. Er hat das Herz genausooft am richtigen Fleck wie am falschen. Aber er hat etwas an sich, das ist schlicht hoffnungslos. Er ist nicht bereit, für eine politische Idee zu sterben. Und damit meine ich nicht, er sollte buchstäblich in Fleisch und Blut dafür sterben, sondern daß er für eine Idee seine politische Karriere aufs Spiel setzt. Das wird er nicht tun, und deshalb wird er untergehen, weil ihm das politische Ideal fehlt. Und das ist seine schreckliche Schwäche. Ich habe das schon früher gesagt, aber wenn ich ein sechzehnjähriges französisches Bauernmädchen wäre und Jeanne d'Arc hieße, dann würde ich zu ihm gehen und sagen, 'Dauphin, du mußt Amerika retten.' Das würde er nicht tun. Er würde sich hin und her winden, hin und her. Alles, was gut an ihm ist, wird durch diese Tatsache erledigt, daß er einfach keine letzte Idee hat, die er sich nicht nehmen ließe, egal, was sie ihm sonst wegnehmen.
Er hat keine letzte Verteidigungslinie?
Nein. Cuomo zum Beispiel war absolut gegen die Todesstrafe, was ihn politisch teuer zu stehen kam, aber die Leute haben ihn deswegen respektiert. Sie wußten, daß dieser Gouverneur letzten Endes nicht nur ein Politiker war. Wenn ich ein Politiker wäre oder einer meiner Söhne jemals Politiker werden wollte, würde ich ihm sagen: 'Laß die Öffentlichkeit nicht den Eindruck gewinnen, bloß weil du ein Politiker bist, gäbe es keinen Punkt, bei dem man sich auf dich verlassen kann.' Clinton weiß das nicht. Wie konnte er elf Jahre lang Gouverneur von Arkansas sein, ohne das zu lernen?
Mir ist vorhin der Tonfall aufgefallen, in dem Sie über die Kennedys sprachen ` 'wir hatten den Mord an John F.Kennedy und den an Robert Kennedy'. Das ist eine ziemlich neutrale Ausdrucksweise, oder? Dieses Land war sehr lange sehr tief gespalten in der Frage, ob es ein Zufall war, daß mehrere Angehörige dieser Familie ermordet wurden. Ob da nicht der Königsfamilie etwas angetan wurde. Und in Ihrem neuesten Buch sind Sie einer klaren Aussage darüber ziemlich nahe gekommen.
Sie meinen die Idee, daß Leute aus der Regierung die Hand im Spiel hatten? Das bißchen, was ich über Regierungsbürokraten weiß, gibt mir das Gefühl, daß vor allem die CIA sich auf einige ziemlich außergewöhnliche Unternehmungen eingelassen hat. Aber da im Jahre 1961 diese außergewöhnlichen Unternehmungen gerade fehlgeschlagen waren ` in einem Klima, in dem castro-feindliche Kubaner in sehr engem Kontakt mit vielen unzufriedenen CIA-Leuten standen, in dem Kennedy durchaus durch eine Verschwörung hätte ermordet werden können. An eine umfangreiche Verschwörung kann ich kaum glauben. Sehen Sie, da bin ich dann mit Oliver Stone und seinem Film JFK nicht mehr einer Meinung ` das war ein wunderbarer Film, ich hielt ihn für einen großartigen Film, aber nicht wegen der Details. Ein großartiger Film auf einer mythischen Ebene, weil wir dadurch lernten, was es bedeutet, wenn ein Präsident ermordet wird; er verschaffte uns einen Eindruck von dem Entsetzen, dem Mißtrauen, von dem das Land befallen wurde. Aber die Details hielt ich für absurd. Man macht keine Verschwörung mit zweihundert oder fünfhundert oder tausend Leuten. Das tut man einfach nicht. Das würde nicht funktionieren. Aber ich glaube noch nicht einmal an eine Verschwörung von fünf Leuten. Wenn es eine Verschwörung war, dann in sehr kleinem Maßstab. Weil es bei etwa zehn- bis fünfzehntausend Leuten einen unglaublichen Haß auf Kennedy gab, und den intensiven Wunsch, ihn umzubringen. Aber ob sie es tatsächlich zustandebrachten, das ist eine ganz andere Frage. Es gibt einfach nicht genug Beweismaterialien.
Und es stellt sich immer auch die Frage, ob jemand, der Kennedy ermorden wollte, dazu eine so sprunghafte Figur auswählen würde wie Oswald.
Was Oswald anging, konnte ich nach einer Weile nur noch sehr schwer glauben, daß ein halbwegs vernünftiger Mensch jemals Oswald benutzen würde. Selbst wenn Oswald es tat, muß es eine sehr kleine Verschwörung gewesen sein, oder er tat es allein. Ich neige eher zu der zweiten Variante, einfach weil er so war, wie er war. Zu dieser Schlußfolgerung bin ich nur widerstrebend gekommen. Eine Verschwörung wäre mir viel lieber gewesen. Ich meine, als Romanschriftsteller muß einem eine Verschwörung lieber sein als ein Einzeltäter. Darüber kann man einfach viel mehr schreiben. Aber ich konnte nichts finden. Ich konnte nicht einmal einen Verdacht finden. Wissen Sie, ich sprach mit Verschwörungsanhängern und fragte: 'Na, wie haben sie denn das Gewehr aufs Dach gebracht, wenn er es nicht selbst mit hochgenommen hat?' Und auf diese Grundfragen gibt es nie eine Antwort.
Sie sind auf den Spuren Oswalds nach Minsk gefahren. War das Ihre erste Rußlandreise?
Nein, ich war vorher schon zweimal da. Minsk war hart. Minsk war stumpfsinnig. Minsk war trostlos. Nicht einmal die Sonne schien; alle drei Wochen hatte man am späten Nachmittag mal eine halbe Stunde Sonne, und das war dann wunderbar. Plötzlich sah Minsk schön aus. Es war wirklich, als sähe man eine häßliche alte Fra,, die auf einmal schön wird, wenn sie lächelt, und eine halbe Minute lang kann man sich vorstellen, was in dieser Frau eigentlich steckt. Minsk war sehr hart. Aber auf seltsame Weise war es ganz interessant. Weil ich wie ein armer Mann lebte. Ich hatte ein schäbiges kleines Apartment. Ich ging jeden Abend ins Restaurant, aber das Essen war scheußlich, es war so, als müßte ich wie ein armer Mann essen. Wenn man sich ein paar billige Sachen kaufte und mit nach Hause nahm und kochte, war man wirklich besser dran. Und das gab mir ein Gefühl von mir selbst, ich merkte, daß ich damit fertig werden könnte, wenn ich plötzlich arm wäre. Ich war nicht von Geld abhängig.
Was haben Sie bei diesem Aufenthalt über Rußland gelernt?
Daß sie in den letzten dreißig Jahren nicht das Reich des Bösen waren. Das waren sie vielleicht unter Stalin, obwohl ich auch da meine Zweifel habe. Stalin war im Grunde ein defensiver Mensch. Brutal, grausam, wirklich schrecklich, aber letzten Endes defensiv. Er war nicht darauf aus, auf die Schnelle die Welt zu erobern. Aber jedenfalls in den letzten dreißig Jahren war Rußland ein Land, dessen Ressourcen knapp wurden. Und wenn Amerika das durchgemacht hätte, was Rußland durchmachen mußte, wenn zwanzig Millionen Menschen ums Leben gekommen wären, wenn zig Millionen in Konzentrationslager gesteckt worden wären, wenn es Hungersnöte gegeben hätte, wenn es einen scheußlichen Krieg erlebt hätte, und dann fünfundzwanzig Jahre später noch einen scheußlichen Krieg, wenn einige der besten Leute hingerichtet worden wären, wenn die Leute, die das Land gegründet hatten und die Helden des Landes gewesen waren, wegen Hochverrats hingerichtet worden wären, wenn Amerika all das durchgemacht hätte und nach diesen siebzig Jahren des Schreckens herausgefunden hätte, daß es von einem mitgenommenen Haufen alter Militärs und Mafiosi regiert wurde, die sich immer wieder vorsagten, sie seien die Stärksten der Welt und würden die Welt erobern, was würden die Leute in Amerika dann tun? Wie würden sie reagieren? Die Haltung der Russen zu ihrer Spitze war, wenn man unbedingt aufsteigen muß, na dann gut, aber wenn es überhaupt nur irgendwie geht, hält man sich besser raus. 'Politik ist Mist', um mit Marina Oswald zu reden, und das war die Summe ihrer Weisheit über das politische Leben in Rußland.
Und eine ziemlich teuer erkaufte Weisheit, würde ich sagen.
Das Wunderbare an den Russen ist: Alles, was sie tun, ist teuer erkauft. Deshalb mußte man ihnen immer genau zuhören. Wenn sie etwas schrecklich Einfaches sagten, dann war es das Ergebnis von fünfhundert Gedanken zu diesem Thema, die in diesem Satz von wenigen Worten ihren Ausdruck fanden.
(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 22
Aus dem Englischen von Meino Büning

Genre

Hauptthema
  • US-amerikanische Gesellschaft

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