LI 034, Herbst 1996
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Kultur und Identität

Europas Selbstfindung aus der Einverleibung der Welt

(...) Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als der größte Teil der Welt gründlich mit dem vom Nordatlantik ausgehenden Geist des Imperialismus durchtränkt war, herrschte nicht nur in der Kultur, sondern auch in wissenschaftlichen Berichten (Kolonialgeographie, Geologie, Anthropologie, vergleichende Geschichte) auffallender Nachdruck auf der Unvermeidlichkeit, ja der Ewigkeit des Empire als eines zentralen Bestandteils kultureller Identität. Daher wurde es fast zu einem Klischee, daß die Kolonialherrschaft so lange andauern sollte, wie mit den Worten J.A. Hobsons, eines frühen europäischen Imperialismuskritikers - die Angehörigen der "minderen" Rassen unterlegen und unterentwickelt blieben. Für den Fortschritt der Entwicklung gab es nur einen Schiedsrichter, und ob lange er Europäer war, blieben seine Ansichten gleich. Das Empire sollte dauern.
Im französischen Umfeld bestand eine ähnliche, wenn auch vielleicht noch verwirrendere Blindheit, da die fraglichen Autoren heutzutage insgesamt angesehener sind als etwa Kipling oder T.E. Lawrence.
André Malraux, zum Beispiel, setzt den nietzscheanischen Heroismus (nach dem Beispiel von Conrads Kurtz) seines Helden Perken in Der Königsweg gleich mit der Vergewaltigung Indochinas, eines französischen Besitztums. Gide nutzt Französisch-Nordafrika, das freundlicherweise für Europas sinnliches Wiedererwachen zur Verfügung steht, als Hintergrund für seine Selbsterkenntnis wie für die seines Helden; in Der Immoralist verzichtet Michel auf die nördliche Verantwortung für sein reiches Vatererbe im Tausch für die Wüsten Tunesiens und Algeriens, wo, wie er annimmt, die Araber nur auf der Wanderschaft und erinnerungslos in einem Zustand sexueller Libertinage leben. Aber das interessanteste Beispiel ist zugleich auch das beunruhigendste:
Albert Camus. Als pied-noir der zweiten Generation war er ein begabter Künstler, dessen frühe Erzählungen von algerischem Elend ihn als Schriftsteller mit Gewissen und Überzeugungen auswiesen. Aber seine berühmteste Parabel - Der Fremde - handelt vom Mord an einem Araber ohne Namen, Eltern oder erkennbare Identität. Das Drama handelt ausschließlich von Meursault, einem europäischen existentiellen Helden, für den Algerien und die Moslems nur die Staffage für seine drängenderen und verfeinerten Auseinandersetzungen um Freiheit, Autorität und Willen abgeben. In seinen erzählenden Werken von Die Pest bis zu Das Exil und das Reich nutzt Camus Algerien als untätigen Hintergrund, dessen man sich bemächtigt, als nach dem Beginn der Revolution (1954) die europäische Herrschaft von Grund auf in Frage gestellt wird. Camus' Tragödie liegt darin, daß er weder sich noch das machtvolle Auftreten Frankreichs in Algerien als Höhepunkt von über einem Jahrhundert kolonialer Eroberung zu deuten vermag. Statt dessen leugnet er starrköpfig die Priorität des arabischen Anspruchs; als Schriftsteller der Metropole wie Sartre und Jeanson sich offen auf die Seite der FLN stellten, wandte sich Camus dagegen: Der arabische Anspruch auf Algerien, hielt er kategorisch fest, sei nicht besser begründet als der vieler anderer Rassen, darunter der Franzosen, die sich dort niedergelassen hatten. Ironischerweise jedoch wird Camus noch heute als französischer Schriftsteller gelesen, der die Leiden unter der deutschen Besatzung Frankreichs aufs genaueste untersuchte, wenn auch sein Werk explizit in Algerien spielt, wo die Araber diejenigen waren, die zu sterben und zu leiden hatten.
Das kulturelle Gebäude des Imperialismus beruht daher auf der Idee von der westlichen Überlegenheit, wie sie mit großer Klarheit von Jules Harmand in seinem Domination et colonisation (1910) ausgesprochen wird: "Wir müssen deshalb als Prinzip und Ausgangspunkt die Tatsache nennen, daß es eine Hierarchie von Rassen und Zivilisationen gibt, und daß wir zur überlegenen Rasse und Zivilisation gehören, wobei wir jedoch anerkennen müssen, daß die Überlegenheit zwar Rechte verleiht, aber andererseits auch strikte Verpflichtungen auferlegt. Die grundlegende Rechtfertigung für die Überwältigung eingeborener Völker ist die Überzeugung von unserer Überlegenheit, nicht nur unserer mechanischen, ökonomischen und militärischen Überlegenheit, sondern unserer moralischen Überlegenheit. Unsere Würde beruht auf dieser Eigenschaft, und sie liegt unserem Recht zugrunde, den Rest der Menschheit zu beherrschen. Materielle Macht ist lediglich ein Mittel zu diesem Ziel."
Harmand gründet seine grandiose Erklärung auf den fundamentalen ontologischen Unterschied, der den Westen vom Rest der Welt trennt. In der Zeit vor der Entkolonisierung stellte diesen Unterschied kaum jemand in Frage - und auch danach taten es viele noch nicht. Darüberhinaus werden mit dem Aufstieg der Ethnographie und - wie in der Linguistik nachgewiesen wurde - der Rassentheorie, der pseudo-wissenschaftlichen historischen Einteilung von Völkern nach Art von Spengler oder Le Bon, die Unterschiede zwischen den Völkern in verschiedenen Hierarchien und disziplinären Schemata kodifiziert, in denen Kategorien wie primitiv, wild, degeneriert, natürlich und unnatürlich besondere Funktionen erhalten. Das Auftreten universalisierender Codes in Bereichen wie Geographie und Geschichte gründet sich auf eine Entsprechung zwischen der universalisierenden Autorität und der kolonialen Macht einerseits, und andererseits dem Eingeborenen und seiner Unterwerfung.
Wir sollten uns daran erinnern, daß die meisten der autoritativen Werke über Afrika, den Orient, Australien, die Karibik für ein europäisches Publikum geschrieben wurden; selten implizierten oder erwarteten solche Werke nicht-westliche Leser, geschweige denn nicht-europäische Kritiker; erst im 20. Jahrhundert vermochten Werke wie die von Aimé Cesaire (sein Gespräch über den Kolonialismus) oder Fanons Die Verdammten dieser Erde eine eingeborene Stimme in den gelehrten oder wissenschaftlichen Diskurs einzubringen und dadurch die Souveränität seiner Sichtweise aufzulösen oder explodieren zu lassen, seine Anmaßungen und seine Doppelzüngigkeit. Und schließlich sollten wir nicht vergessen, daß die Kenntnis der nicht-europäischen Welt - thematisiert in Literatur und Geisteswissenschaften, kodifiziert in aktiven Herrschaftspraktiken wie der "mission civilisatrice", Lugars Vorstellung von unmittelbarer Herrschaft, der amerikanischen Idee der gottgewollten Herrschaft - keine randständige oder geheime Abteilung der metropolitanen Kultur war; sie prägte große Bereiche des Lebens im Heimatland, von der populären Unterhaltung bis zur Pädagogik, von der musikalischen Unterhaltung über die Werbung, und darüber hinaus die gesamte Struktur des Wissens vom Selbst und dem Anderen, das mitten im Kern der nationalen Identität angesiedelt ist. Tatsächlich ist die Bemerkung gerechtfertigt, daß die Vorstellung von der nationalen Identität selbst auf einzigartige Weise mit der Praxis der Herrschaft in Übersee zusammenhängt: Das gilt gegen Ende des 19. Jahrhunderts ebenso für Europa wie für die Vereinigten Staaten, wo in jedem Falle der Jargon der nationalen Identität die Minderwertigkeit geringerer oder konkurrierender anderer impliziert.
Die Ironie liegt darin, daß zwar in jedem Falle das eine Empire die anderen imitierte, aber dennoch jedes auf seiner besonderen Ausnahmesituation bestand, etwa der britische gegenüber dem französischen Imperialismus; die lautesten Proteste kamen dabei von den Amerikanern, die immer behaupteten, sie seien nicht wie die Briten!
Wie wirksam diese imperialen Schemata waren, läßt sich daran ermessen, wie weitgehend sie die Orte, an denen sie Wurzeln geschlagen hatten, verwandelten. Weite Landstriche in beiden Amerikas und Australien wurden dem unterworfen, was Alfred Cosby "ökologischen Imperialismus" genannt hat; das war keineswegs auf die modernen Reiche beschäänkt, sondern war auch von früheren schon praktiziert worden. So wurden alte Agrarsysteme ausgelöscht, damit modernere das Land besser ausbeuten konnten. Neue Pflanzen und Tiere wurden eingeführt, häufig um eine fremde Landschaft der in der Heimat zurückgelassenen ähnlicher zu machen. Die Neuvermessung, Neubenennung und Verteilung des Landes war häufig von der Vernichtung der eingeborenen Völker begleitet, und in den Fällen Irlands und Algeriens von der "Europäisierung" der Sprache. Mitte der fünfziger Jahre im 20. Jahrhundert wurde die arabische Sprache von den Franzosen in Algerien verboten; zuvor hatten sie Algerien bereits Frankreich als Departement einverleibt. Ein hervorragender Anhaltspunkt dafür, wie tief und zwanghaft diese Art von Siedler-Kolonialismus in Algerien ablief, findet sich in David Prochaskas Buch Making Algeria French.
Wo die Kolonie verwaltet und nicht besiedelt wurde (z.B. Indien), wurde ein uraltes System der Landpacht von den Briten vollständig umgewandelt; bei der Neueinteilung Bengalens kamen zum Beispiel utilitaristische und rationalistische Prinzipien zur Anwendung, die mit überlieferten und lokalen Realitäten überhaupt nichts zu tun hatten. Ein bißchen später vertrat Lord Macaulay den Gedanken, Inder sollten auf englisch ausgebildet werden (um sie zu befrieden, und damit sie besser beherrscht werden könnten); insbesondere verunglimpfte er die gesamte orientalische Literatur, die, wie er sagte, nicht einmal den Wert der "armseligen Bearbeitungen" europäischer Klassiker in den Bücherregalen britischer Schuljungen erreichte. Die weniger wohlwollende Seite dieser frühen Offenbarung dessen, was wir heutzutage Modernisierung nennen, war die gewollte Abwertung und aktive Verdrängung der eingeborenen Kulturen und Sprachen Indiens; das wurde Generationen junger Inder eingeimpft. Auf solche Weise entstehen Wissenschaften wie der wissenschaftliche Orientalismus, der seinen Weg in alle Ebenen der Massen- und Elitekultur fand und der Welt natürlich viel Neues an Wissen und Kunst bot; aber in ihr kam auch die Macht der Kolonisatoren zum Ausdruck, Geschichte, Geographie, Sprache, Kultur und sogar die Ontologie der Eingeborenen ihrer Perspektive anzupassen.
Dennoch können wir immer noch künstlerische Meisterwerke genießen und bewundern, neu interpretieren und neu zur Aufführung bringen, die von diesen Ideen getränkt, ja geprägt sind, ebenso wie Werke etwa von Wagner, die, wie Mark Weiner in seinem Buch Wagner and the Anti-Semitic Imagination nachwies, in einem erschreckenden Zusammenhang mit Xenophobie und Rassenhaß stehen. Es liegt mir gewiß nicht daran, kulturelle Werke zu verunglimpfen, die vom Orientalismus oder dem ihm zugrundeliegenden Imperialismus durchdrungen waren, sondern zu zeigen, daß der beträchtliche Wert dieser Werke mehr fordert als eine Haltung der Verehrung und kuratorischer oder antiquarischer Distanz. Je komplexer, unversöhnlicher und widersprüchlicher das Werk, desto interessanter wird es, und desto schwieriger werden Aufführung und Interpretation. Wir sollten, denke ich, den Bereich der Ästhetik sowohl als autonom als auch zugleich als "der Welt zugehörig" begreifen können, das heißt, verankert in der sozialen und historischen Welt der Frauen und Männer, die sie schufen. Außerdem brachte sie, wie es der Historiker Eric Hobsbawm vom Weltsystem des 19. Jahrhunderts sagte, "eine einzige Weltwirtschaft hervor, die fortschreitend in die entlegensten Ecken der Welt vordrang, ein zunehmend dichteres Netz ökonomischer Transaktionen, Kommunikationen und Waren-, Geld- und Menschenbewegungen, die die entwickelten Länder untereinander und mit den unterentwickelten verbanden" (Das imperiale Zeitalter). Wenn diese Globalisierung für das 19. Jahrhundert gilt, dann gilt sie noch mehr für das zwanzigste, insbesondere im Hinblick auf Kulturen. Dabei geht es nicht um bedauerliche Erscheinungen wie "Franglais" und Coca Cola oder McDonalds, MTV und CNN, obwohl derartige Phänomene weiß Gott überall auftauchen wie das Unkraut im Garten. Die Welt ist auch in der Hochkultur durchmischt und aufeinander bezogen. Man denke an Ravel, Messiaen, Debussy und Japan und Bali; man denke an Picasso und afrikanische Kunst; man denke an Ezra Pound und China.
Es geht darum, daß sich die europäischen Künste überall bedient haben, und dies trägt zu ihrer Interessantheit bei. Zum ersten Mal in der Geschichte werden die europäischen Künste selbst nicht nur von Europäern, sondern von Chinesen, Ägyptern, Indonesiern, Trinidadern und Brasilianern geschätzt und bewundert, studiert und interpretiert. Das Publikum für europäische Kultur hat sich ungeheuer ausgedehnt, weit über die Grenzen Europas hinaus, zum Teil dank des imperialen Hintergrunds, den ich weiter oben umriß. Wenn ich mich selbst als Beispiel nennen darf, sollte ich erwähnen, daß ich zwar in Palästina und Ägypten geboren wurde und aufwuchs (damals beides britische Kolonien), aber ich hörte und sah meine erste Oper, André Chenier, in Kairo, und hörte damals auch meine ersten Platten von Beethoven und Wagner; als Schüler in britischen Kolonialschulen studierte ich die Geschichte, Literatur und Kultur Englands auf Kosten meiner eigenen Geschichte, aber im Laufe der Zeit konnte ich mich auch mit ihr vertraut machen.
Auch in anderer Hinsicht ist die europäische Kultur nicht länger auf eine scheinbar homogene Bürgerschaft beschränkt. Zum ersten Mal in der Geschichte leben in England, Frankreich, Deutschland, Italien, Skandinavien und anderen Ländern der Europäischen Gemeinschaft in größerer Zahl Asiaten und Afrikaner, die nun als Einwanderer in diesen Ländern mit anderen Kulturen, Sprachen, Traditionen leben. Dennoch haben diese neuen Europäer ein Interesse an der europäischen Kultur, zu der sie bereits beizutragen begonnen haben. Man denke zum Beispiel an Schriftsteller in englischer und französischer Sprache, die Inder, Kariben oder Nordafrikaner sind; ihre Werke gehören im Grunde zwei Welten an, aber zum größten Teil haben sie sich dem Hauptstrom der europäischen Kultur angeschlossen, wo sie eine Rolle von enormer Bedeutung spielen. Salman Rushdie, Anita Desai, Ben Jelloun, Aimé Césaire, Wilson Harris, Assia Djebbar sind nur einige der Namen, die sich schnell aufdrängen. Eine ähnliche Vermischung des Europäischen mit dem Nicht-Europäischen findet in der lateinamerikanischen Literatur statt, die iberische und amerikanische Kulturen in einer kühnen Synthese verbindet. Ich glaube, es wäre eine groteske Fehlinterpretation der Art und Weise, wie Kulturen funktionieren, wollte man diesen neueren Zweig der europäischen/ nicht-europäischen Kultur aus rassischen oder ethnischen Gründen ausschließen.
Alle Kulturen sind hybrid; keine ist rein; keine ist identisch mit einem "reinen" Volk; keine besteht aus einem homogenen Gewebe. Darüber hinaus umfassen alle Kulturen naturgemäß ein großes Maß an Erfindung und Phantasie - Mythen, wenn man lieber will -, das in die Erschaffung und Neuerschaffung der verschiedenen Bilder einer Kultur von sich selbst eingeht. Dank der Bemühungen von Historikern wie Hobsbawm, Ranger und Martin Bernal (in Schwarze Athene) wissen wir heute, daß Traditionen erfunden werden können (und tatsächlich häufig erfunden werden), und daß in dauerhafte Bilder der kulturellen Vergangenheit (wie die des klassischen Griechenland) viel Manipulation, schiere Fabrikation und bewußte rückschauende Reinigung, Säuberung und Verfälschung eingingen.
Eine der nutzlosesten und gehässigsten Theorien neuerer Zeit war die vom "Zusammenstoß der Zivilisationen". Ursprünglich vertreten von einem amerikanischen Politologen als Versuch, den Kalten Krieg an mehreren Fronten fortzuführen, hat das Konzept vom Zusammenstoß der Zivilisatio nen eine ausgedehnte Diskussion über die Trennung der Kulturen ausgelöst, über die Verteidigung der westlichen Zivilisation, Warnungen vor der Bedrohung durch Islam und Konfuzianismus und so weiter. Es bedarf keiner Erwähnung, daß jede Kultur das Potential unbegrenzter Kampflust und Aggressivität birgt, insbesondere, wenn sich dieses Potential gegen ausländische "Dämonen" richtet, die "unseren" inneren Gleichmut zu bedrohen scheinen. Es gibt ein berühmtes Gedicht von Konstantin Kavafis, das diesen besonderen Mechanismus mit bestürzender Deutlichkeit darstellt. Unter dem Titel Warten auf die Barbaren beschreibt das Gedicht, wie sich ein paar dekadente Römer auf die Barbaren vorbereiten, indem sie ihr überkommenes Verhalten ablegen und neue Lebensmodelle finden, um diesen fremden neuen Völkern zu begegnen. Dann, mitten im Gedicht, stellt sich heraus, daß die Barbaren gar nicht kommen:
"Warum brach plötzlich Unruh' aus,
Verwirrung? (Wie wurden die Gesichter ernst)
Warum nur leeren sich so schnell die Straßen und die Plätze
und alle kehren tief besorgt nach Haus zurück?
Weil es nachtete und die Barbaren nicht gekommen sind.
Und von den Grenzen trafen Leute ein,
und die berichteten, Barbaren gebe es nicht mehr.
Was denn soll nun aus uns werden ohne die Barbaren.
Irgendeine Lösung waren diese Menschen."
 
Äußere Feinde - Barbaren - liefern eine einfache Lösung für Stagnation, für fehlende Schöpferkraft, für das Gefühl, es sei leichter auszuschließen und zu verteidigen, als Neues zu denken und umzudenken. Also begründet man einen Diskurs über das Böse in seinen Feinden, dann kann man viel Zeit damit verbringen, sie anzugreifen und sich selbst zu preisen. Kulturen sind notwendigerweise nationalistisch; mit einem sehr berühmten Ausdruck sagte der englische Kritiker und Dichter Matthew Arnold im 19. Jahrhundert, Kultur sei "das Beste, was gewußt und gedacht wird", wobei als selbstverständlich galt, daß "das Beste" europäisch sei, weiß und westlich. Aber, wie ich weiter oben gesagt habe, wir wissen zu viel über die Zwecke, denen die europäische Kultur nutzbar gemacht wurde, als daß wir ein Bild von ihr bewahren könnten, in dem sie sowohl unschuldig als auch militant erschiene, und schlecht informiert dazu.
Kultur ist immer historisch, und sie ist immer sozial, an irgendeinem Ort angesiedelt für irgendjemanden zu irgendeiner Zeit. Kultur impliziert immer eine Konkurrenz zwischen verschiedenen Definitionen, Stilen, konkurrierenden Weltsichten und Interessen. Und außerdem ist es wahr, daß Kulturen offiziell und orthodox werden - wie in den Dogmen von Priestern, Bürokraten und weltlichen Behörden - oder zum Heterodoxen tendieren können, zum Inoffiziellen und Libertären.
Interessant an einer Kultur ist jedoch in beiden Fällen ihre Beziehung zu anderen Kulturen, nicht nur ihr Interesse an sich selbst und ihrer Großartigkeit. Für diejenigen unter uns mit einem doppelten oder multikulturellen Hintergrund besitzt die europäische Kultur zwei Gesichter - das eine wird noch immer vom kolonialen Erbe beeinflußt und das andere (vielleicht interessantere) ist offen für die eigene Geschichte der Beziehungen zu anderen Kulturen auf der Grundlage von Dialog und Austausch. Beide erzählen eine komplizierte Geschichte von Europa selbst, und dies, würde ich gerne hervorheben, sollte man nie vergessen. Zu den bedauerlichsten Trends der letzten zwei Jahrzehnte gehört in den Vereinigten Staaten die Art und Weise, wie die offizielle Kultur als eine Art gereinigte, erhabene Angelegenheit gesehen wird, gesäubert von jeder Verbindung mit Geschichte und Realität, patriotischen und therapeutischen Zielen unterworfen, die als "unstrittig" gelten. Das Smithsonian Institute hat in letzter Zeit zwei Ausstellungen absagen müssen, weil ihr Angebot von verschiedenen Gruppen als beleidigend wahrgenommen wurde.
Vor vier Jahren wurde eine hervorragende Ausstellung des 19. Jahrhunderts, die idealisierte Bilder des amerikanischen Westens mit den Beschreibungen der traurigen Fakten von Plünderung und Eroberung konfrontierte, von Kongreßabgeordneten attackiert, die die Austellung nicht einmal gesehen hatten. Und warum? Weil sie den patriotischen Mythos von den amerikanischen Ursprüngen antastete.
Zwar zeugt diese Art Disput von der Macht kultureller Bilder, Menschen in Bewegung zu versetzen, aber die Vorstellung, man könne Ausstellungen blockieren oder angreifen, weil sie einen komplexen, nicht immer schmeichelhaften Aspekt der nationalen Kultur oder einen ihrer Bestandteile enthüllen, vermittelt mir den Eindruck, hier werde die Kultur als Äquivalent von Propaganda betrachtet.
Wie die Vereinigten Staaten umschließt Europa viele Kulturen mit vielen gemeinsamen Merkmalen, die zu offensichtlich sind, als daß sie hier noch einmal aufgezählt werden müßten. Sicherlich sollte jede europäische Kulturpolitik, die diesen Namen verdient, zuallererst die Bürger bilden und informieren und ihnen nicht unkritische Einstellungen gegenüber dem Patriotismus, blinde Bewunderung und ein Gefühl von entfremdender Distanz zur Kultur einimpfen. Aber eine solche Politik sollte auch rational sein; das heißt, sie sollte solche kulturelle Beziehungen in den Vordergrund rücken, die bei einer heutzutage überaus unterschiedlichen Wählerschaft eine positive Einstellung zu Teilnahme und Interaktion fördern oder ermöglichen. Ich bin keineswegs der Ansicht, kulturelle Darbietungen sollten didaktisch sein oder tendenziös oder auf ermüdende Weise ideologisch. Noch vertrete ich die Meinung, es gebe keinen Raum für die Möglichkeit, das Werk eines einzelnen Malers auszustellen oder den Opern Mozarts ohne belehrende Kommentare zu lauschen. Ich bin nur zu offensichtlich kein Kunstverwalter. Vermutlich spreche ich hier von dem Kontext, in dem die europäische Kultur erarbeitet, dargestellt, gefördert und - vor allem - rezipiert wird. Je enger und eingeschränkter Definitionen und Rahmen, desto weniger interessant das Ergebnis. "Jedes Dokument der Zivilisation", sagte Walter Benjamin, "ist zugleich auch ein Dokument der Barbarei." Aus diesem Aphorismus läßt sich sehr viel lernen; er hat offensichtlich mehr mit menschlichem Verständnis zu tun als mit Arroganz. Wenn sich die Kultur nicht mit ihrer eigenen komplexen Vergangenheit und mit den gönnerhaften Klischees von einfältiger Erlösung und Patriotismus belasten will, von denen sie häufig umgeben ist, dann gibt es für sie nur einen Weg: Daß diese Vergangenheit und ihre gegenwärtige Aktualität mit all ihren Komplexitäten wahrgenommen wird - und darauf könnte man dann auf kühne, forschende, innovative Art und Weise aufbauen. Ich glaube, die europäische Kultur kann uns gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Gelegenheit zu verschiedenen Arten von "Erkenntnissen" liefern, in all den verschiedenen aktiven Bedeutungen dieses sehr reichen Wortes: Die historische Wahrheit der eigenen Erfahrung erkennen; die Wahrheit anderer Kulturen und Erfahrungen erkennen; die Größe und die Manipulationen, deren Kultur fähig ist, erkennen; und schließlich erkennen, daß Kultur nicht eine Ansammlung von Monumenten ist, sondern eine unaufhörliche Auseinandersetzung mit den Prozestion und Realisierung, und daß in der Kultur das Potential zu kühnen Bildern und mutigen Aussagen vorhanden ist. Alles andere ist dann nicht mehr besonders interessant.

Mehr von:
Edward W. Said
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 21
Aus dem Englischen von Meino Büning

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