LI 061, Sommer 2003
Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%

Kaliforniens Kellergeister

Die Weinkultur des Napa Valley emanzipiert sich von Europa

Am 2. August 2000 frage ich mich im Haus des Musikagenten und Weinsammlers Joe Charlemagne in Mount Washington/Los Angeles, wonach sich die kalifornische Weinindustrie im neuen Millennium orientieren wird. Neben mir in der Küche stehen der französischgebürtige amerikanische Weinhändler Paul Wasserwerk, der lizenzlose Untergrund-Weinhändler E.T. aus L.A. und der New Yorker Gastronom Andy Pandy. Der Abend beginnt mit einer Führung durch das Anwesen. Der Garten endet nach einigen Metern abrupt an einer steilen Böschung, die unten von vertrocknetem Gras und weiter oben von undurchdringlichem grünbraunen Gestrüpp bedeckt ist. An diesem Hang sitzt ein massives rechteckiges Betongebilde, gute zwei Meter hoch und mindestens fünf Meter breit, in dem zwei massive Stahltüren angebracht sind.
"Der vorherige Besitzer war besessen von der Vorstellung eines Atomkriegs, er hat diesen Bunker bauen lassen. Deshalb habe ich das Anwesen gekauft. Dir ist das wahrscheinlich nicht bewußt, Stuart, aber unterirdische Keller sind wahnsinnig selten in L.A." Er stößt die eine Tür auf und fordert uns auf einzutreten. "Das hier ist der Weißweinkeller", sagt er, und wir fühlen uns wie in Aladins Höhle; die teuersten und gesuchtesten Weißweine des Alten Europa sind in Originalkartons gestapelt oder liegen in Weinregalen, so daß ihre Etiketten deutlich zu erkennen sind.
Ein guter Teil stammt aus den Grand-Cru-Lagen des Burgund, unter anderen auch Corton Charlemagne, daher Joes Spitzname. "Such eine Flasche aus, Stuart!" werde ich aufgefordert, und nach einem Moment innerer Panik entdecke ich den 1990 Coulée de Serrant, einen seltenen, aber verhältnismäßig bezahlbaren trockenen Weißwein von der Loire. Dann gehen wir durch die andere Edelstahltür in den Rotweinkeller, der in seinen Ausmaßen beinahe dem Weißweinkeller gleicht und ebenso gut bestückt ist.
Wir kehren mit ausreichend Flaschen für eine kleine Orgie ins Eßzimmer zurück, und innerhalb von Sekunden fliegen auch schon die Korken. All das ist ebenso wie die Keller selbst durch und durch amerikanisch und Welten entfernt von der ritualisierten und prätentiösen Andacht, mit der hochangesehene und teure Weinflaschen zu Hause im Alten Europa behandelt werden. Der Gegensatz verläuft exakt parallel zu jenem, den Baudrillard in seiner Beschreibung von Franzosen und Amerikanern am Strand in Amerika schildert: "Man braucht nur zu beobachten, wie sich eine französische Familie an einem kalifornischen Strand niederläßt, um das abscheuliche Gewicht unserer Kultur zu spüren ... Die Amerikaner achten darauf, immer gut mit Eis und Bier versorgt zu sein; die Franzosen achten darauf, daß die gesellschaftlichen Höflichkeiten befolgt werden ... Der Franzose zieht eine ziemliche Show ab im Urlaub, aber die Mittelmäßigkeit seiner kleinbürgerlichen Welt umgibt ihn nach wie vor."
Die unbekümmerte Fröhlichkeit, mit der Coulée de Serrant, Dr. Loosen und Corton Charlemagne einer nach dem anderen erledigt werden, steigert das Vergnügen auf dieselbe Art, wie ein Turbolader bei einem Auto zwar ein furchtbares Getöse macht, die Geschwindigkeit aber enorm erhöht und damit auch das Hochgefühl der Insassen. Es folgen Rotweine – Gevrey Chambertin Vieilles Vignes, Beaune Premier Cru, Barolo Monprivato – sämtlich in braunes Packpapier gewickelte Flaschen, das erst entfernt wird, wenn jeder einzelne von uns versucht hat, die Identität des Weines zu raten. Dann fällt mir auf, daß die Weine in unseren Gläsern bisher ausschließlich aus dem Alten Europa stammten.
Ich bin diesem merkwürdigen Phänomen erstmals 1989 begegnet, bei einer Weinverkostungsorgie im nahegelegenen L.A.-Vorort Bel-Air, die sich über ein ganzes Wochenende hinzog und den Rotweinen des Burgund gewidmet war. Die Gäste gerieten in Verzückung über die besten der ausgeschenkten Weine – "Killersaft!" "Wahnsinnsburgunder!" – und überschütteten die Weine Kaliforniens mit Hohn. Auch Joe Charlemagne hatte mir bei unserem ersten Treffen gesagt: "Du mußt dir darüber im klaren sein, Stuart, daß ich kalifornische Weine hasse." Die ältere Generation kalifornischer Weinbegeisterter wirft ebenso sehnsüchtige Blicke auf Europa wie die entsprechende Generation kalifornischer Weinproduzenten. Doch wie steht es um die nächsten Generationen?
Mehrere Rotwein-Ratespielchen später haben wir endlich einen Wein im Glas, bei dem ich überzeugt bin, daß wir das Alte Europa verlassen haben. "Es ist ein California Cult Cabernet!" ruft Wasserwerk voller Spott über den tintig dunklen und enorm schweren Rotwein aus.
Während der letzten zehn Jahre hat sich ein Kult um eine Reihe von kalifornischen Rotweinen aus der Rebsorte Cabernet Sauvignon entwickelt, deren geringe Produktionsmengen bei Preisen zwischen 75 und 250 Dollar dank treuer Stammkunden jedes Jahr sofort ausverkauft sind. Abhängig vom Produzenten bekommt jeder Stammkunde ganze drei bis zwölf Flaschen pro Jahrgang zugeteilt.
Es kursieren Geschichten von Weinfreunden, die alles mögliche unternommen haben, den Produzenten dieser Weine alle Arten von Verlockungen und Bestechungen geboten haben, nur um auf diese Kundenlisten zu kommen. So hat zum Beispiel ein Schönheitschirurg einer Kultcabernet-Produzentin kostenlose Behandlungen im Wert von zigtausend Dollar versprochen! Diese Leute sind auch deshalb so verzweifelt, weil sie wissen, daß der Preis dieser Weine, sind erst einmal die Zuteilungen ausgeliefert, umgehend auf ein Vielfaches schießt. Bei Wohltätigkeitsversteigerungen kommen Großflaschen mit eineinhalb, drei, sechs oder neun Litern dieser Weine, die aus den Kellern der Produzenten stammen, für bis zu fünf- und sechsstellige Dollarsummen unter den Hammer, weil sie nur bei diesen Anlässen erhältlich sind.
Andy Pandy läßt den Wein in seinem Glas kreisen, riecht wieder und wieder daran und nimmt endlich einen Schluck. "Nein, das kann kein Cabernet Sauvignon sein, es muß einer von diesen Monster-Shiraz aus Südaustralien sein." Dieser Weinstil aus der Rebsorte Shiraz erfuhr in letzter Zeit in Südaustralien weite Verbreitung; der Wein duftet nach Himbeermarmelade, ist sehr üppig und "süß" und von einer öligen Konsistenz, die ihn schwierig zu trinken macht. Am ehesten gleicht er einem mittelmäßigen Likör – kurzum, er schmeckt ganz anders als alle Weinklassiker des Alten Europa. "Ich werde mit diesem Wein [im Glas] den großen Amerika-Roman schreiben!" spottet Charlemagne voller Ironie. Er scheint anzunehmen, daß der Wein aus Kalifornien stammt, ein übertriebener Versuch ist, den großen amerikanischen Wein zu erzeugen. Ich tippe schließlich auch auf Kalifornien. E.T. wickelt die Flasche aus dem Packpapier, er hat den Wein mitgebracht und zeigt uns das Etikett: Noon, 1998 Reserve Cabernet Sauvignon, Langhorne Creek, Product of Australia.
Nur Andy Pandy hat das Herkunftsland richtig erraten, aber nicht die Rebsorte, während wir anderen bei der Rebsorte richtig lagen, aber nicht beim Land. "Er hat 15,5 Prozent Alkohol und 98 Punkte von Parker", erklärt E.T. sachlich, "ich finde den Wein fürchterlich, aber ich wollte hören, was ihr davon haltet." Robert Parker ist seit 20 Jahren der einflußreichste Weinkritiker der Welt. Seine Zeitung The Wine Advocate beeinflußt die Kaufentscheidungen Hunderttausender Weinkonsumenten auf der ganzen Welt. Er macht kein Hehl aus seiner Vorliebe für sehr üppige, süß schmeckende Weine1 mit extremen Fruchtaromen – gobs of fruit lautet eine der am wenigsten ansprechenden lobenden Ausdrücke in seinem beschränkten und sich stark wiederholenden Wortschatz. Wahrscheinlich hat der Produzent den Wein ganz bewußt in dieser Art und Weise gemacht, um so viele Punkte wie möglich von Parker zu bekommen. Tausende von Winzern auf der ganzen Welt verfolgen diese Strategie in dem verzweifelten Trachten nach Reichtum und Ruhm.
Mit dem dampfenden Essen auf dem Tisch kommt auch das Gespräch wieder in Gang, und es geht um die California Cult Cabernets. "Für welchen Preis hast du deinen Screaming Eagle verkauft?", fragt E.T. Wasserwerk. "1 500 Dollar pro Flasche", kommt die Antwort zurückgeschossen, "und du?" "Dasselbe", entgegnet E.T. trocken. Dieser Preis macht den Wein zu dem teuersten jungen Rotwein der Welt. In Anbetracht dessen, daß der erste Jahrgang dieses aus dem Napa Valley kommenden Cabernet Sauvignon erst 1992 gekeltert wurde und die Produzentin Jean Phillips eigentlich Immobilienmaklerin ist, ist das eine ziemlich erstaunliche Leistung. "Welcher Jahrgang?", erkundige ich mich ganz ernsthaft. "Vollkommen egal", versetzt Wasserwerk. Für die Weinhändler am Tisch stellt dieser Wein ganz offensichtlich nichts als eine Ware dar, die wie Microsoft-Aktien gehandelt wird. Ich frage mich, wie er wohl schmeckt, aber sie würden dies höchstwahrscheinlich als irrelevant abtun. Jeder von ihnen hat aus dem Verkauf ihrer jeweils drei Flaschen Screaming Eagle über 4 000 Dollar Gewinn geschlagen. Diese Zahl klingt eher nach Drogen- als nach Weinhandel.
Am nächsten Abend lerne ich zufällig einen hübschen Jüngling namens Christian Navarro kennen, der mich die Kult-Cabernets aus einer ganz anderen Perspektive sehen läßt. Kurze dunkle Haare, blendendes, jugendliches Aussehen, hervorragend geschnittener grauer Anzug, weißes Hemd und dunkelblaue Krawatte – in einer Stadt, in der manche Leute selbst schicke Restaurants in Strandkleidung besuchen, fällt er ziemlich aus dem Rahmen. Der etwas über zwanzigjährige, für den L.A.-Weinhändler Wally’s arbeitende Verkäufer hat als box boy angefangen, Regale aufgefüllt und Lieferungen ausgetragen und dabei ein deutliches Talent beim Umgang mit Stars, Filmmoguln und den Megareichen gezeigt. Heute ist er der "Weinhändler der Stars", hat einen eigenen PR-Berater und ist zu einer Persönlichkeit geworden, die selbst von der Zeitschrift People zur Kenntnis genommen werden muß.
Ich sitze neben ihm in seinem spiegelblanken schwarzen Mercedes, und während wir durch die Stadt gleiten, stelle ich ihm die direkte Frage: "Wie gut sind die Kult-Cabernets?" Er beginnt zu reden wie ein Wasserfall, ist aber sofort in der Defensive, als habe die Frage seitens eines Europäers impliziert, sie seien minderwertig, kraß überteuert und der Handel damit lasse ihn selbst in dubiosem Licht erscheinen. "Die [verrückten] Preise kommen alle auf dem Zweitmarkt zustande", platzt er heraus, "Screaming Eagle kostet die Stammkunden nur 125 Dollar pro Flasche." Schließlich läuft seine offizielle Antwort auf meine Frage auf ein "Manche von ihnen sind wirklich gut ... yeah!" hinaus. Die inoffizielle heißt: Geschäft ist Geschäft.
Als wir etwas später an der Melrose Avenue im Restaurant Patina des deutschen Küchenchefs Joachim Splichal sitzen und ich dieses Bravourstück an Innenarchitektur verdaut habe, beschließe ich, die Taktik zu wechseln. Welche Art von Wein trinkt er selbst am liebsten, wenn es keine äußeren, will sagen: finanziellen Zwänge gibt? Er erzählt mir, daß ihn wirklich alles interessiert, obgleich die französischen Klassiker – die Verkörperung des Alten Europa in Weinform – anscheinend doch ganz vorn stehen, "was mich zu einem Dinosaurier macht", sagt er mit einer Ironie, die ihn plötzlich sehr erwachsen scheinen läßt. Dann erklärt er mir, als bringe er einem naiven Landjungen die Großstadt näher, daß die alte Art des Weinverständnisses, bei der gereifte Jahrgänge europäischer, vor allem französischer Weine im Mittelpunkt stünden, im Verschwinden begriffen sei – am Vorabend habe ich also mit den Dinosauriern ihren eigenen Untergang gefeiert. In "La-La-Land" sei das Interesse der Konsumenten beinahe voll und ganz zu jungen Weinen übergegangen. Frankreich habe dabei seine führende Rolle eindeutig an Kalifornien verloren.
Wie als Beweis dafür trinken wir einen sehr gesuchten kalifornischen Rotwein in einer schweren Designerflasche mit einem sonderbaren Künstleretikett, auf dem die Worte stehen: "Sine Qua Non, 1997 Impostor McCoy Syrah". Ein California-Kultwein, wenn auch aus der Rebsorte Syrah statt Cabernet Sauvignon. Der Wein schmeckt äußerst üppig und voluminös, aber trotz aller Opulenz wirken die "süßen" Brombeeraromen nicht kitschig oder übertrieben. Sine Qua Non – "unentbehrlich" auf Latein - ist das Weingut der österreichstämmigen Besitzer des L.A.-Restaurants Campanile Manfred Krankl und seiner Frau Elaine. Sie geben allen ihren Weinen exzentrische Namen – "Bent and Twisted", "Black & Blue" und so weiter –, und er entwirft alle Etiketten selbst. Sie erinnern ein wenig an Motive von Raymond Pettibon, doch in einem ganz eigenen Zeichenstil.
Ich sage Navarro, daß der Wein zwar ein bißchen zum Schweren neige, aber wirklich sehr gut schmecke. "Yeah, viele der Kultweine sind toll zu kosten, aber beim Trinken ganz schön ermüdend", erwidert er, was einem Eingeständnis gleichkommt, sie seien oft nicht ausgewogen. Trotz dieser möglicherweise unerheblichen Tatsache hat sich hier eine grundlegend neue Rangordnung auf dem Weinmarkt gebildet. "Manchmal sind sie großartig und manchmal nicht", stimmt E.T. seinem jungen Kollegen am nächsten Tag zu, "aber am Ende ist das wirklich egal, denn [für die Käufer] ist es meistens viel wichtiger, ihren Besuchern zu zeigen, daß sie diese Kultweine kistenweise haben."
(...)

Mehr von:
Stuart Pigott
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 84

Genre

Schlagworte

Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%
No Javascript