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Lettre aktuell 1/2026

Lettre International 152 / Neue Ausgabe

 

Verehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser,   
liebe Freundinnen und Freunde,

Voilà, der Frühling naht ... und Lettre 152 ist da ... Mit spannenden, inspirierenden, analytisch aufklärenden und tief in die Geschichte, die Disziplinen des Wissens und den Zauber der Literatur hineinreichenden Themen und Texten. Freuen Sie sich auf das aktuelle Heft, es ist ab sofort in Buchhandlungen und im Zeitungshandel sowie ab Verlag zu haben.

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LI 152 – ÜBERBLICK

+++ Kriegszeiten: Eine iranische Autorin berichtet aus dem Keller eines Hochhauses über Teheraner Kriegstage. +++ Birger P. Priddat analysiert das System der Trump’schen Herrschaft und Europas Gegenstrategien +++ Labyrinth der Psyche: Amia Srinivasan diagnostiziert die Konjunktur des Unbewußten und die Aktualität der Psychoanalyse +++ Andrea Pomella erzählt von tiefen Depressionserfahrungen +++ Literatur und Leben: Alberto Manguel zelebriert die Magie der Schriftsysteme +++ Piotr Biegasiewicz feiert die schöpferische Rolle des Übersetzers +++ Steffen Dix huldigt imaginären Spielen von Antonio Tabucchi und Fernando Pessoa +++ Von Stalins Dichterjagd erzählt Philippe Videlier +++ Lacy Kornitzer läßt Clarice Lispector im Radio sprechen +++ Gwenaëlle Aubry vergleicht Erinnerung, Tod und Zeit bei W. G. Sebald und Marcel Proust +++ Rolf Schönlau berichtet über literarische Mondbesiedelungen +++ Kunst und Integrität: Hubertus Butin recherchiert zu Hintergründen der NS-Raubkunst im Züricher Kunsthaus +++ Ulysses Belz beobachtet Max Slevogt auf Pirsch im deutschen Impressionismus +++ Hartwin Brandt fragt nach Zeit und Wahrheit in der Kunst von Antike und Moderne +++ Theaterlandschaften: Alexander Kluge durchleuchtet zusammen mit Andreas Mahler, Stephen Greenblatt und Heiner Müller die Renaissancewelt William Shakespeares +++ Georges Banu würdigt die kalkulierte Kollision von Bild und Bühne im malerischen Theater von Paul Delvaux +++ Ungarn und Finnland: István Kemény und Lajos Parti Nagy begeben sich auf Donaureisen +++ Andreas Wang taucht ein in Wälder und Seenlandschaften Finnlands +++ Natur und Kultur: Volker Demuth durchsucht verdrängte Archive romantischer Revolten +++ Briefe & Kommentare: Georges Nivat kritisiert die westliche Kriegsliteratur und Hemingway +++ Florian Coulmas folgt Italo Calvinos Spuren in Tokio und Japan +++ Korrespondenzen: Arnon Grünberg denunziert einen parasitären Opferkult +++ Herbert Maurer erlebt die Geometrie der Donaumetropole +++ Philipp Ammon beobachtet ethnische Nachbarschaften im Kaukasus +++ Gino Liguori entdeckt neapolitanische Traditionen in der Kulinarik von Buenos Aires +++ Photographie und Kunst: Zeichnungen verborgener Träume entstammen der Hand von Mariana Portela Echeverri +++ Das virtuose Spiel mit Formen und Licht beherrscht photographisch Imre Kinszki ... +++

 

UND DAS ERWARTET SIE IM EINZELNEN

KRÄFTEMESSEN

Die Figur des Tyrannen kehrt mit Donald Trump wieder – nicht als archaischer Despot im Palast, sondern als Immobilienhändler im Weißen Haus, als CEO eines Staates, der sich nunmehr wie ein Konzern aufführt. Trumps Mantra lautet dealmaking: das Maximale aus Verhandlungen herauszuholen, nicht durch Ausgleich, sondern durch angedrohte Vernichtung des Gegenübers. Sein Regime markiert eine Regression, in der moderne Institutionen – Gewaltenteilung, Völkerrecht, multilaterale Ordnung – von archaischen Mustern der Tribute, Gaben, Gefolgschaften und Familienclans überlagert werden. Die Demontage der Gewaltenteilung, die Geringschätzung von Wahlen, die Privatisierung staatlicher Funktionen, all dies sind Schritte in Richtung einer Ordnung, die formal noch demokratisch erscheint, faktisch aber autoritär gesteuert wird. Die Gefahr besteht in einer schleichenden Reprogrammierung der Institutionen. Und Europa steht im Wind eines Epochenbruchs. Was als „transatlantische Gemeinschaft“ galt, hat sich aufgelöst – leise, schrittweise, plötzlich. Das Trump-Regime hat den alten Westen entzaubert: nicht mehr als Werteallianz, sondern als Zweckverband. (...) Vielleicht ist größte Aufgabe Europas im 21. Jahrhundert: in einer Welt der Imperien die Kooperationsmacht zu sein – jene, die nicht herrschen will. Die alte Ordnung ist vorbei; was kommt, ist noch gestaltbar. Es hängt davon ab, ob Europa sich als Subjekt oder als Szene dieser Geschichte begreift. Silizium und Tyrannis von Birger P. Priddat.

Purple Saxifrage erlebt Tage in Teheran. „Plötzlich sehe ich die Hauptstadt „intelligenten“ Raketen ausgesetzt und mich wehrlos eingeschlossen in diesem Gebäude. Der Oberste Führer ist tot – die Gestalt, die ich von Kindestagen an gefürchtet hatte, vor der ich mich anstrengte, unauffällig zu bleiben, stillzuhalten, um nur ja nicht Unmut auf mich zu lenken. Sein Abgang hinterläßt ein merkwürdiges Gefühl in mir. Er war wie ein Kerker, an den ich mich gewöhnt hatte. Jetzt stellt sich eine Leere ein ... Die Reden des Oppositionsführers kann ich nur schwer aushalten – während er sehen kann, wie ein furchtbarer Raketenhagel auf uns niedergeht, bricht er in Jubel über die Heftigkeit des Angriffs aus, vor lauter Vorfreude ganz rot im Gesicht, offenbar überzeugt, daß ihn diese Krise an die Macht spülen wird. In seinen vier Grundprinzipien für eine politische Führung des Landes fehlt ein unverzichtbarer Satz: das Recht auf freie Meinungsäußerung. Nichts hat er gelernt aus den Irrtümern seines Vaters. (...) Die unaufhörlichen Detonationen zerren mich zurück in die Gegenwart. Innerlich versichert sich die Mehrheit wechselseitig, daß dieser schreckliche Krieg unvermeidbar war. Eine dem preußischen Offizier Ferdinand von Schill zugeschriebene Maxime macht die Runde: „Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“

 

IM LABYRINTH DER PSYCHE

Vermag es die Psychoanalyse, zur Veränderung des Lebens und zur Verbesserung der Politik beizutragen? Wie macht sich das Unbewußte in Macht- und Religionskämpfen, in Eroberungskriegen, Geschlechterkonkurrenz, Kulturkriegen geltend? Entspricht nicht Trumps Pose einem Machthaber, der die Herrschaft der Väter neu zu etablieren verspricht? Wächst nicht angesichts des um sich greifenden Irrationalismus die Versuchung, diesen mittels des Unbewußten zu erklären? Dies fragt Amia Srinivasan in ihrem Essay Der unmögliche Patient. Unterdrückte Phantasien, Libido, Todestrieb, Traumata, infantile Verletzlichkeit suchen auch die mächtigsten Menschen der Welt heim. Über die Kraft der Psychoanalyse zur Durchdringung verborgener Schichten und Motive des politischen Geschehens.

Der römische Schriftsteller Andrea Pomella erzählt die Geschichte seiner Depression. „Man kann sagen, daß die Krankheit den Menschen innewohnt, aber nur diejenigen, die sich als krank erkennen, werden als solche betrachtet, alle anderen halten sich für gesund, und daher kann man auf die Idee kommen, daß ihre Gesundheit ihre Krankheit ist. Sind vielleicht die sogenannten Gesunden die ernsthaft Erkrankten?“ Über den lebenslangen Kampf, aber auch die Klarheit des Depressiven: „Was fühlst Du?“ „Stille.“ (Dröhnende, unbewegte Stille.)

 

LITERATUR UND LEBEN

„Das Schreiben verleiht Gedanken materielle Gestalt. Es gehört zu einer Gruppe von Künsten, die der Visualisierung und Übertragung von Ideen, Gefühlen und Intuitionen dienen. Schreiben, Malen, Lesen haben alle Teil an dieser menschlichen Aktivität, geboren aus der Fähigkeit, sich die Welt vorzustellen, um sie zu erfahren. Sich etwas vorzustellen wird dazu geführt haben, dieses Etwas zu benennen: das visualisierte Etwas in ein tönendes Äquivalent zu übersetzen, auf daß das Aussprechen dieser Töne das Bild des Dinges heraufbeschwören konnte wie ein Zauberspruch. Mancherorts erhielten diese Klänge eine materielle Repräsentation: Ritzungen in einer Handvoll Ton wie in Mesopotamien, Kerben in einem Stück Holz, Zeichen auf einem geglätteten Stein, Kritzeleien auf Papier. Die Erfahrung der Wirklichkeit konnte nun von der Zunge oder der Hand kodiert werden und mit Ohr oder Auge entziffert. Wie ein Zauberkünstler, der eine Blume in einer Schachtel vorzeigt, sie verschwinden macht und sie dann vor dem erstaunten Publikum wieder erscheinen läßt, hat unser Urahn es ermöglicht, daß wir Magie betreiben. Und die Literatur bindet all unser Wissen von der Welt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit der Kraft der Liebe zu einem einzigen Buch, das durchs ganze Universum verstreut ist.“ Alberto Manguel über Die Tränen Isaaks

Piotr Biegasiewicz huldigt der Kunst des Übersetzens: Die Formel „Traduttore, traditore“ durchläuft Europa wie eine Münze, die jeder kennt, die aber kaum noch einer gegen das Licht hält. Sie wird mit Überlegenheitslächeln ausgesprochen, wie ein Urteil, das vom Denken entlastet. Denn hält man sich an den Buchstaben, verrät man den Geist. Folgt man dem Geist, läßt man den Buchstaben zurück. Flickt man die Risse, erkennt man, daß schon der Flicken ein Abweichen ist. Doch anstatt diese Worte als Niederlage zu akzeptieren, sollten wir lernen, sie als Einladung zu vernehmen: dazu, etwas zu retten, das zerbrechlicher ist als Klang und lebendiger als jedes Wörterbuch. Erzählungen müssen durch die Körper aufeinanderfolgender Sprachen wandern, sonst verhärten sie und zerbröckeln wie Gips: Übersetzen als Erschaffen.

Steffen Dix erforscht das Werk des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa. Sein Zugang zu Archiven, Briefwechseln und Dokumenten eröffnet immer neue Entdeckungen und Einsichten in die Arbeit des Nationaldichters. Einer seiner vertrautesten Kenner war der italienische Autor Antonio Tabucchi, der Pessoas Dichtung und Leben und dessen Heimatstadt Lissabon hinreißende Werke widmete, darunter der mit Marcello Mastroianni verfilmte Roman Erklärt Pereira. Der Argentinier Jorge Luis Borges war ein weiterer Mitspieler in diesem imaginären Bunde. Dix eröffnet uns in Wirklichkeit und Traum, ein ernsthaftes Spiel die subtilen poetischen Beziehungen zwischen diesen schöpferischen Giganten. Ein unbekannter Text von Antonio Tabucchi, Doppelsinn, sowie bislang nie publizierte Photographien lassen diese literarische Geisterstunde zu einem Fest werden.

Rivalität zwischen Literatur und Macht prägt die russische Geschichte seit Jahrhunderten. Eine extreme Steigerung dieser Kraftprobe fand unter Stalins Herrschaft statt. Freigeistige Abweichler galt es, wie unlängst Alexej Nawalny, zum Schweigen zu bringen. Der Mord an dem Schriftsteller Boris Pilnjak offenbart, wie unbequeme Wortführer um die Ecke gebracht wurden. Die Menschen verschwanden still und leise. Die Eliminierungsmaschine lief auf Hochtouren. Mit einer lapidaren Unterschrift unterzeichnete Josef Stalin täglich maschinengeschriebene Listen der zum Tode Verurteilten. Niemand stellte Fragen. Die näheren Umstände dieses Hinrichtungsfurors hatte die Menschenrechtsorganisation Memorial in ihren Recherchen zum „Großen Terror“ später aufgedeckt, als die Archive des KGB während der Perestroika zur Zeit Jelzins für kurze Zeit zugänglich waren. Am 28. Dezember 2021, zwei Monate vor dem Angriff auf die Ukraine, wurde Memorial in Moskau verboten. Eine so aufschlußreiche wie brisante historische Recherche von Philippe Videlier: Lubjanka 222.

Lacy Kornitzer blickt in Ordo Amoris auf das Leben der brasilianischen Autorin Clarice Lispector. In der Sendereihe „Kultur und genaue Uhrzeit“, bei Radio Relógio kommt sie zu Wort: „Die Anklage lautet: Mordversuch am Ehemann. Auf die Frage des Gerichtsvorsitzenden am ersten Verhandlungstag, was ich denn dazu sagen will, merkte ich nur an, kein Gesetz kann gegen mich sein, denn ich bin Schriftstellerin. (...) Daß ich heute hier stehe, ist der hohen Kaution geschuldet, die mein Mann aufgetrieben und hinterlegt hat. Bis zur Urteilsverkündung bin ich auf freiem Fuß. Nicht alles in der Anklageschrift ist frei erfunden, ein belangloser Passus stimmt mit dem Geschehen zumindest halb überein, nämlich, daß ich unmittelbar, nachdem ich das gemeinsame Schlafzimmer in Brand gesetzt hätte, nach Paris geflogen sei wegen einer Affäre mit Claude Simon. Nun, in der Tat rauche ich Zigaretten, gute ägyptische. (...) Außerdem lese ich viel, allerdings ausschließlich gute Bücher. (...) Ich habe nämlich nicht vor, in Einsamkeit zu verrecken, sagte sie und lachte beim Anzünden einer nächsten Zigarette. (...) Mir wird nachgesagt, ich würde keine Bücher lesen. Das habe ich einmal scherzhaft in die Welt gesetzt, ironisch und selbstironisch, aber wer versteht das schon ... Ganz egal, was man engagiert formuliert, es wird auf den toten Kern reduziert.“

Gwenaëlle Aubry vertieft sich in Marcel Proust und W. G. Sebald. Die Geschöpfe Prousts stehen, so Samuel Beckett, außerhalb der Gesetze des Raums und sind gleichzeitig Opfer der Zeit. Die Lösung Prousts, fügt er hinzu, die Entdeckung der unwillkürlichen Erinnerung, besteht letztlich in der Negation der Zeit und des Todes, der Negation des Todes aufgrund der Negation der Zeit. Der Tod ist tot, weil die Zeit tot ist. W.G. Sebald verkehrt diese Figur in ihr Gegenteil. Seine Geschöpfe stehen außerhalb der Zeit und sind Opfer (oder Gefangene) des Raums. Die Vergangenheit vergeht nicht. Sie lastet wie ein schwerer Schatten, wie ein Gewicht aus Asche. Die unwillkürliche Erinnerung nimmt nicht mehr die Gestalt einer „unmittelbaren, köstlichen und vollständigen Explosion der Erinnerung“ an, sondern die des Spuks und der Halluzination. Weil die Zeit nicht wiedergefunden werden kann, kann sie nicht aufgehoben werden. Wenn das Werk Prousts die Verneinung des Todes ist, so ist dasjenige Sebalds dessen Bejahung, dessen unermüdliche Betrachtung: Die Stelle des Toten.

Rolf Schönlau erinnert an die Obsession der Besiedelung und Zivilisierung des Mondes. Die Pioniere, die dort oben ihre Marken, Pflöcke, Zeichen hinterlassen haben, sind illustre Personen aus vier Jahrhunderten: Science-Fiction-Autoren, Raumfahrtingenieure, Astrophysiker, Astronomen. Giovanni Battista Riccioli ging von der Vorstellung aus, die Mondphasen bestimmten das Wetter auf der Erde: gutes Wetter im ersten Mondviertel, schlechtes im letzten. So gab er den Meeren, also den dunklen Flecken auf seiner Mondkarte von 1651, sprechende Namen: Die im ersten Mondviertel heißen seitdem „Mare Nectaris“ („Nektarmeer“), „Mare Fecunditatis“ („Meer der Fruchtbarkeit“) oder „Mare Tranquilitatis“ („Meer der Ruhe“), die im letzten Viertel dagegen „Mare Frigoris“ („Kältemeer“), „Mare Imbrium“ („Regenmeer“) oder „Mare Nubium“ („Wolkenmeer“). Einen kreisrunden Fleck mit einem Durchmesser von über 500 Kilometern nannte Riccioli nach dem griechischen Wort für „Unterscheidung“ oder „Trennung“ „Mare Crisium“, wobei auch „Mare Mutationis“ („Meer des Wandels“) geeignet gewesen wäre. Mare Crisium 2050 – Gipfeltreffen, Bruchlandungen und Artefakte im Niemandsland.

 

KUNST UND INTEGRITÄT

Hubertus Butin erforscht Kunstverbrechen im Schatten des Nazismus: die NS-Raubkunst als historische, moralische und juristische Problematik, welche die Kulturszene und Kunstmilieus von Deutschland, Österreich und der Schweiz bis heute unterminiert. Zu Raubobjekten wurden auch kostbare Kunstbestände, die der Hamburger Sammler Max J. Emden, Kaufmann und Mäzen seiner Heimatstadt, zusammengetragen hatte, bevor er von 1937 bis 1940 aufgrund seiner jüdischen Herkunft von den NS-Verfolgern vollständig enteignet wurde. In dieser Notlage waren er und sein Sohn gezwungen, einige der in die Schweiz geretteten Gemälde – u. a. von Bellotto, Monet und van Gogh – zu verkaufen. Zeitgleich zu Emden war auch E. G. Bührle ein leidenschaftlicher Kunstsammler. In Pforzheim geboren, ging dieser 1924 in die Schweiz, wurde dort Alleininhaber der Firma Oerlikon, die als größter Rüstungskonzern des Landes während des Zweiten Weltkriegs glänzende Geschäfte machte. Die Schweizer Zeitung Die Nation bezeichnete Bührle 1945 als „den größten und skrupellosesten Kriegsgewinnler unseres Landes“. Doch wurde der Waffenfabrikant zum Sammler und erwarb über Kunsthändler eine Kollektion von Gemälden internationalen Ranges. Woher stammten diese Werke? Nach seinem Tod übergab die E.-G.-Bührle-Stiftung 200 dieser Werke als befristete Leihgabe an das größte Museum der Schweiz, das Kunsthaus Zürich. Der Wert dieser Bilder beläuft sich auf 3 Milliarden Schweizer Franken. Was würde eine tiefergehende Untersuchung zur Herkunft der Bilder ergeben? Raubkunst und Anstand. Der nicht endende Streit über einen Monet im Kunsthaus Zürich

Der verspätete deutsche Impressionismus ist nicht von jener Ruhe überglänzt, welche die gleichnamigen französischen Erzeugnisse so liebenswert machte. Seine Idyllen sind von Nervosität durchzogen, eine innere Unruhe, das Lebensgefühl einer Kriegsepoche und die wachsende politische Instabilität der Gesellschaft sind bis zu seinem Verlöschen um 1930 als Grundstimmung spürbar. Im Gegensatz zum analytisch gebändigten französischen Impressionnisme hatte dieser in Deutschland weder Programm noch theoretisches Fundament. Kaum war er vorgedrungen ins Establishment, wurde er von Expressionisten und Dadaisten als Verfallsstil betrachtet und bekämpft. Der Maler Max Slevogt und seine Freiluft-Kollegen standen zwischen zwei Fronten: geschmäht als „zerstörerisch“ von den Konservativen, verachtet als „reaktionär“ von den Avantgardisten. Der Umgang Slevogts mit seiner eigenen Begabung blieb jedoch geprägt von spielerischer Indifferenz und dem Verzicht auf kommerzielle Selbstausbeutung. Souverän genug, sich von seinem Genie freizustellen wann und wo er wollte, war Max Slevogt zufrieden, wenn man ihn zufriedenließ. Prominenz interessierte ihn nicht. Zum Zeichnen genügte ihm der nächste Tisch. Ulysses Belz porträtiert Slevogt, den Freibeuter.

Der Althistoriker Hartwin Brandt fragt nach Zeit und Kunst in Antike und Moderne. Seit Platon diskutiert man das Verhältnis von Wahrheit und Schönheit, schöpferischer Kreativität und bloßer Nachahmung. Kann ein Kunstprodukt, das doch wie alles Menschliche der Zeit und damit der Veränderung unterworfen ist, überhaupt wahr und „zeitlos“ gültig sein? Ohne Zeit gäbe es keine Kunst: Zeit und Raum sind nicht nur die Bedingungen für die Entstehung all dessen, was als Kunst angesehen wird – seien es bildende Künste, Literatur und Musik, Denkmäler, Baukunst, Film und Photographie, Street Art, Videoinstallationen oder Spraygraffiti. Jede Entstehung von Kunst und jede Beschäftigung mit Kunst braucht Zeit, braucht Raum, braucht Zeiträume, damit Kunst werden und Kunst sein und als Kunst wirken kann. Und wieviel Zeit braucht die Kunst, um der Wahrheit zur Dauer zu verhelfen?

 

THEATERLANDSCHAFTEN

Durch Shakespeares Welt wandelt Alexander Kluge in Gesprächen mit Stephen Greenblatt und Andreas Mahler und schildert die Lebens- und Überlebenskünste des frühbürgerlichen Genies unter halblegalen Künstlerbohemiens und atheistischen Rebellen. In Zeiten gewaltsamer Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten und blutiger Thronfolgekämpfe vermochte es Shakespeare mit Klugheit und List, sich als Autor und Theatermacher zu behaupten. Sein beleibter Körper beherbergte, so Greenblatt, eine unvorstellbar riesige Seele: „das gewaltigste Innenleben eines Menschen in den letzten tausend Jahren“. Eine Erkundungsreise auf den Spuren eines Theatergenies.

Georges Banu widmet sich der kunstvollen Verbindung von Bühne und Bild. Der Maler Paul Delvaux ersinnt ein Theater, dessen Regisseur er selbst ist. Seine Gemälde sind Bühnenbilder, die er mit stets wiederkehrenden Protagonisten ausstattet. Seine Gemälde dienen jeweils einer sorgfältig ausgearbeiteten Aufführung. Die auf der Leinwand verwirklichten Figuren träumen, ohne zur Verkörperung einer Rolle zu werden. Sie spielen in einem einsamen Theater, das seinen malerischen Erzeuger zum einzigen Betrachter hat. Ein Traumtheater. Nichts ist hier real. Alles ist künstlich. Dies ist ein „Theater des Auges“, so wie Musset vom „Schauspiel in einem Sessel“ sprach. Es gibt keine Handlung, kaum eine Beziehung, keine Bewegung oder Ortsveränderung. Aus einem labyrinthischen Bühnenbild tritt ein stummes Volk hervor. Es herrscht Unbeweglichkeit, es herrscht Langsamkeit, jede Hast ist verbannt. Ein Theater des Geistes, voller sublimer Figuren: Das Paradox eines mentalen Theaters.

 

UNGARN UND FINNLAND

Dem Donau-Syndrom verfallen sind István Kemény und Lajos Parti Nagy. Die Donau, das ist Teil der Kindheit, Element der Erfahrung, Schauplatz der Vergangenheit, Quelle zahlloser Geschichten, Lebensmilieu von Großeltern und Eltern, Schauplatz von Mythen, Sehnsüchten und Schrecknissen des Lebens. Die Donau schließt Menschenleben, Gemeinschaften und Städte zu atmenden Entitäten zusammen. Die Erzählungen dieser Donaureisenden erinnern an Peer Gynts Zwiebel: Sie häuten sich mit der Freilegung ihrer Erinnerungsschichten, mit dem Wechsel der Landschaften und Orte, mit der Disparatheit der Donauwelten.

Weit im Nordosten Europas, im Gebiet der tausend Seen, endet Finnland, und es beginnt Rußland, mitten in Karelien, mitten in der Tundra. Dorthin, ins unbekannteste nordische Land, begibt sich Andreas Wang auf seiner Erkundung von Landschaften der Natur und der finnischen Poesie und sucht nach Grundzügen dieses Landes zwischen Ost und West mit seiner neuen Funktion als Hüter der Sicherheit: Wälder, Länder, Seen. Finnland birgt Geheimnisse und manche Versprechen: eines davon ist Oulu – Kulturhauptstadt Europas 2026.

 

NATUR UND KULTUR

Volker Demuth ruft Romantische Revolten in Erinnerung. „Es existiert eine weitgehend ungeschriebene Geschichte des Wissens, die aus geächteten, verunglimpften, ausgesonderten, beiseite gedrängten Erkenntnissen besteht, deren Vertreter nicht selten auf die eine oder andere Weise mundtot gemacht wurden. In bürgerlichen Zeiten weniger durch Exkommunikation und Verbrennung als mittels Verweigerung einer akademischen Laufbahn und diskursiven Anerkennung. Bei diesem obszönen Wissen, abgedrängt ins Off des kulturellen Bewußtseins, handelt es sich um eine abgedunkelte Aufklärung, um einen unsichtbaren Wissensbestand, der sich gerade nicht dadurch auszeichnet, daß er Irrtümer anhäuft. Sein Schicksal prägt vielmehr die Tatsache, für die jeweilige Zeit unbequeme, unbotmäßige Wahrheiten formuliert zu haben. Von diesen Archiven nicht Kenntnis zu nehmen, immunisiert das gesellschaftsbequeme, machtverträgliche Wissen gegen seine eigenen Blindheiten und Irreführungen. Bedeutende Teile der Romantik wurden in diese Archive ausgelagert. Man erklärte ihre Vertreter zu nostalgisch rückwärtsgewandten Weltflüchtigen, zu in Liebes- und Todessehnsucht sich verzehrenden Träumern, die in ihrer Realitätsflucht nach der blauen Blume der absoluten Poesie suchen und deren Welt, erfüllt von der nachttrunkenen Irrationalität der Gefühle, in einer natürlichen Harmonie tönt. (...). Die Romantik beruht jedoch auf einem tiefen Mißverständnis. Denn die Romantik ist nicht romantisch.

 

BRIEFE & KOMMENTARE

Georges Nivat liest das Buch eines jungen ukrainischen Dichters, der vor Monaten noch als Soldat an der Front gekämpft hat, schwer verletzt wurde und mit seinem radikalen Gedichtband We were here entschieden die westliche Kriegsliteratur kritisiert, deren Autoren wie Ernest Hemingway oder Erich Maria Remarque nichts vom Krieg verstanden haben: „An der Front verstand ich, daß meine Sprache neu erfunden werden mußte. Ich mußte das Vertrauen in das Schreiben verlieren und zugeben, daß Literatur hilflos war. Ich fing an, alle Schriftsteller zu hassen und jedes Gedicht zu vergessen. Ich mußte die Sprache völlig aufgeben und von neuem anfangen.“ Was Hemingway nicht begriff

Florian Coulmas durchstreift Tokio auf den Spuren des italienischen Schriftstellers Italo Calvino. Dieser hatte verstanden, daß japanische Sichtweisen ganz anders sind, im Alltag, in der Architektur, in Gärten, Schreinen und Tempeln. „Die ideale Substanz des Alten ist in Japan nicht der Stein wie im Westen, wo ein Objekt oder ein Gebäude nur dann als alt angesehen wird, wenn es materiell fortbesteht.“ Gärten werden im Laufe der Zeit ständig erneuert und bleiben doch immer dieselben. So verhält es sich auch mit Tempeln und Pavillons. „Was fortdauert, ist die ideale Form des Gebäudes, und es macht nichts, wenn jedes Teil ihres materiellen Substrats bereits zahllose Male entfernt und ersetzt worden ist.“ Calvino erkennt darin eine Verschränkung zweier Dimensionen der Zeit, die Lebenszeit des Materials und die Zeit der Form, die er als Beweis dafür betrachtet, „daß alle Teile des Universums eins nach dem anderen zerfallen können und trotzdem etwas bleibt“. Das bezieht er auch auf sich und die Welt der Bücher: „Ich möchte für jedes meiner Bücher ein anderes Ich erfinden, eine andere Stimme, einen anderen Namen, möchte verlöschen und wiedergeboren werden. Es ist mein Ziel, die unlesbare Welt einzufangen: die Welt ohne Mittelpunkt, ohne Ich.“ Wenn ein Reisender in Japan ...

 

KORRESPONDENZEN

Arnon Grünberg porträtiert eine fragwürdige Begleiterscheinung der Erinnerungskultur nach 1945: Die hartnäckige Konstruktion der Opferidentität, die sich wie ein Virus über den Globus verbreitet hat und die Frage aufwirft: Mit wem soll sich der Künstler eigentlich solidarisieren? „Wo der Opferstatus gleichbedeutend ist mit dem Rederecht, ist der höchste Opferstatus gleichbedeutend mit dem Recht, Forderungen zu stellen. Und zu fordern gibt es immer etwas: ein Stück Land, Bildung, eine Toilette, ein eigenes Volk.“ Das Spiel der Spiele ist nicht mehr der Wettkampf im Sport, in Dichtkunst oder in Geschicklichkeit, sondern die Konkurrenz um den Opferstatus an sich: Die Verwundeten

Herbert Maurer vertraut sich der Geometrie Wiens an und schweift aus nach Norden, Westen, Osten und Süden. Die Donaumetropole definiert sich nicht nur geographisch, geostrategisch oder geopolitisch, sondern auch durch die Qualität ihrer Ausfahrten und Einfahrten, Ausfallstraßen, Tangenten, Übergänge und Auswege an der Peripherie. Mit Verkehrswegen, die je nach Himmelsrichtung sehr deutlich kontrastieren, bevor ein Schild an der Stadtgrenze die Gewißheit des Wo-seins oder Wo-hinein- oder Wohin-hinaus-Fahrens bietet. Unterwegs in allen Perspektiven, Landschaften, Ebenen und Bodenwellen drängt sich dem Wiener Stadtbewohner folgende Erfahrung auf: Auch nach dem Fall des Eisernen Vorgangs, auch nach der Reanimation des Orient-Expresses und dem rührenden Versuch der Neuerfindung einer Grenzenlosigkeit: In keiner Himmelsrichtung kommt man auf einer der Wiener Ausfallrouten wirklich weit, ob inländisch oder ausländisch, fallen die Menschen immer wieder in die Stadt zurück und sind mitten im Zentrum eines ausländischen Inlands oder umgekehrt – punktgenau gelandet.

Philipp Ammon erinnert an die historischen Beziehungen zwischen Georgiern und Tschetschenen: „Wie der georgische Tanz in durch die Luft steigenden Pirouetten die Schwerkraft überwindet, so besteht die georgische Staatskunst seit drei Jahrtausenden darin, im Spannungsfeld an der Grenze von Asien und Europa die äußeren Kräfte übermächtiger Großreiche zu überwinden. Ihre Überwindung schuf die Voraussetzung für das Goldene Zeitalter Georgiens, als seine Kultur und Rechtsstaatlichkeit im Hochmittelalter auf seine Nachbarn ausstrahlten, als Thamar die Große (1160–1213) in ihrem Machtbereich die Sklaverei und die Todesstrafe abschaffte, Berufungsgerichtsbarkeit einführte und russische Großfürsten und römisch-deutsche Kaiser um ihre Hand anhielten, bis sie schließlich einen ossetischen Prinzen aus dem Kaukasus heiratete.“

Gino Liguori entdeckt in Buenos Aires Einflüsse, Spuren und Metamorphosen der neapolitanischen Küche, er erinnert sich an seine italienische Herkunft und identifiziert in kulinarischen Überlieferungen das wahre Wesen der Migration; nichts bleibt gleich, alles verändert sich: das ganz Alte im ganz Neuen und im ganz Anderen ist das Gütezeichen gelungener kultureller Migration: Buenos Aires ist kein neapolitanisches Echo, kein verlängertes Süditalien, sondern ein Ort, an dem die italienische Migration ihre eigene Grammatik ausgebildet hat: Eine Grammatik der Überlagerung, nicht der Wiederholung: Neapel in Buenos Aires.

 

KUNST & PHOTOGRAPHIE

Ich glaube zu leuchten und festgebunden zu sein, mit diesem Vers der brasilianischen Dichterin Hilda Hilst betitelt die portugiesisch-kolumbianische Künstlerin Mariana Portela Echeverri ihre spannungsgeladene Bilderfolge: „Die Zeichnung ist Offenbarung. Bedeutung und Sinn formen, verändern und enthüllen sich andauernd. Sie ist Einladung. Jede Zeichnung ist Erzählung. Wach oder schlafend sammele ich alles, was ich wahrnehme. Das ist eine Arbeit der Übersetzung und Archäologie. Ich sammele Gedanken und Worte, auch unbekannte. Manchmal als Hommage an eine Form, die jemand mir zeigt, ein Werkzeug, ein Instrument oder eine Melodie. Etwas so Alltägliches und Unergründliches wie die Spannung von Liebe und Erotik. Zeichnen ist eine Übung in Ausdauer. Wir erleben uns selbst in einem Akt der Hingabe an etwas, das noch nicht ist ...“

Imre Kinszki, der aus einer jüdischen Mittelschichtfamilie stammte, war Schlüsselfigur und Wegbereiter der Amateurphotographie in Ungarn zwischen den Weltkriegen. Es war das goldene Zeitalter der Printmedien, die in den 1920er und 30er Jahren unter dem Einfluß des Films einen Wandel durchliefen. Kinszki interessierte sich mehr für die neuen formalen Möglichkeiten der Moderne – die sich zum Teil aus technischen Innovationen ergaben – als für deren Bestreben, die Realität mit einer transformativen gesellschaftlichen Vision darzustellen. Er experimentierte mit Formen, Mustern, Licht und Schatten – seine Objektphotographien, Straßenaufnahmen und Szenen des Alltags, seine Kompositionen aus der Vogelperspektive, die von Zeit zu Zeit auch von den bedrohlichen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen des Alltags zeugten. Seine letzte Veröffentlichung erschien im Januar 1944. Zuletzt wurde er 1945 in einer Arbeitsdienstgruppe auf einem Todesmarsch nach Sachsenhausen gesehen: Das Photoportfolio: Der neusachliche Blick und das Spiel mit den Formen.

Wir wünschen Ihnen trotz der düsteren Weltlage Momente der Freude und der Hoffnung und anregende und illuminierende Lektüre!  
Bleiben Sie uns gewogen!

Mit den besten Grüßen,

Lettre International

Die kommende Ausgabe Lettre 153 erscheint Mitte Juni 2026.