LI 120, Frühjahr 2018
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Russen am Rhein

Mein bürgerliches Weltbild mit Kirchturm und etwas Philosophie

(…)

   Im Namen des Volkes, des Gesetzes, der schweigenden Mehrheit oder einer unterdrückten Minderheit zu sprechen fällt leichter als im eigenen Namen. Die Gruppe, die Institution, für die ich spreche, verleiht meinen Worten Gewicht, beschwert sie aber mit Verantwortung. Oft ist das Oberhaupt, der Souverän, stumm, sprachlos, eine durcheinanderredende Menge. Einer wartet einen günstigen Augenblick ab, ergreift das Wort, bringt die Leute hinter sich, reißt das Kommando an sich und gibt es nicht mehr ab. Der Hauptmann kommt zurück, ein Leutnant hat seinen Platz besetzt und rückt nicht mehr zur Seite.
   Bevor man einen Platz halten kann, muß man ihn erobern, den Lärm zum Schweigen bringen und sich Gehör verschaffen. Was habe ich den anderen zu sagen, zu bieten, daß sie mir ihre Aufmerksamkeit schenken? Das Wort zu ergreifen ist eine Tat, Selbstermächtigung, die selbstbewußte Überzeugung, das eigene Wort sei von allgemeinem Belang, die Lösung der Schwierigkeiten: ein Versprechen, das eingelöst werden muß, wenn es auf Zustimmung stößt. Ohne Erfolg kann sich ein Räuberhauptmann auf Dauer nicht halten. Er muß Beute machen und den Gewinn mit der Bande teilen. Damit wächst er unweigerlich in die Rolle eines Stellvertreters hinein, der die Bande repräsentiert. Oder er wird von einem Leutnant entmachtet, der sich zum Vertreter des Volkes erklärt. Die Gewalt strebt nach Legitimität und am Ende nach Legalität.
   Was sollen wir tun? Die Zeit drängt. Alle reden durcheinander. Wählen wir also Stellvertreter und stecken sie in ein Parlament. Da reden sie nach festen Regeln und mit Verbindlichkeit. Dann wird abgestimmt. Die Stimmen werden gezählt, ihre Zahl ist begrenzt. Was die Mehrheit will, wird getan. Die Minderheit fügt sich, solange ihr mit dieser Niederlage nicht die Chancen auf eine künftige Mehrheit genommen werden.
   Der Volksvertreter ist seiner Partei und seinen Wählern verpflichtet. Er möchte wiedergewählt werden und eine politische Karriere machen. Aber letztlich soll er in einer repräsentativen Demokratie seinem Gewissen folgen, unabhängig von Eigennutz und Partikularinteressen zum Wohl des ganzen Volkes. Dessen Interessen vertritt er. Im Wahlakt wird die Menge der Bürger zum Volk, der einzelne Bourgeois zum Citoyen. Das Volk wird entscheidungsfähig mit seinen gewählten Vertretern. Arm oder reich, jung oder alt, klug oder dumm, kinderlos oder kinderreich, jede Stimme zählt gleichviel. Ob die Mehrheit recht hat oder nicht, ihr Wille gilt. Diese beiden Prinzipien von Stimmengleichwertigkeit und Mehrheitsentscheidung sprechen für Pragmatismus und Vertrauen. Von ihnen lebt die moderne Demokratie in der ständigen Gefährdung durch Tyrannis und Oligarchie.
   Was im Einzelfall richtig und vernünftig zu tun ist, vor allem im gemeinsamen Handeln, ist immer strittig. Nachträglich glaubt man, es besser zu wissen, und kann auch dann nicht sicher sein. Aber gehandelt werden muß. Die Zukunft ist ungewiß und die Zeit zum Austausch der Argumente knapp. So akzeptiert der einzelne auch Mehrheitsentscheidungen, die er für falsch hält, weil er selbst nicht sicher sein kann, das Richtige erkannt zu haben, und weil er darauf vertraut, daß falsche Entscheidungen von der Wirklichkeit früher oder später korrigiert werden. Die gemeinsame Handlungsfähigkeit ist wichtiger als das vermeintliche Besserwissen. Die unterlegene Minderheit aber muß darauf vertrauen können, daß die Mehrheit mit der Macht auch die Verantwortung für diejenigen übernimmt, die sie nicht gewählt haben.
   Überall suchen die Menschen Erfüllung, in der Macht, in der Gewalt, im Rausch, im Reichtum. Ihr Verlangen ohne Maß – Konkupiszenz sagt Augustinus – ist verfehltes Gottverlangen. So geht ihr Streben nach Eigennutz weit über das Nötige zur Selbsterhaltung hinaus. Ihnen reicht es nicht, Person zu werden in Zwiesprache und Einsamkeit. Sie wollen Eigentum, Sachen, die sie nicht einmal unbedingt brauchen, in denen sich aber ihr Wille objektiviert (Hegel). Die Sache gehört mir, sie ist mein. Ich mache mit ihr, was ich will. Ich kümmere mich um sie. Der Wille übernimmt Verantwortung. Ich besetze die Sache mit meinem Willen. Ich bin die Person, die sie besitzt. Ich sitze in ihr wie in einem Haus an der Ratinger Straße. Soldaten ziehen vorbei. Ich verschließe die Tür, schaue aus dem Fenster und habe Angst, daß sie mein Haus plündern. Ich könnte sie kaum auf Schadensersatz verklagen. Gott sei Dank ziehen sie weiter! Sollen die Russen doch über den Rhein abziehen, sonst quartieren sie sich hier noch ein und enteignen mir am Ende das ganze Haus!
   Wenn die Beute groß genug ist, werden die Räuber zivil, legalisieren ihre Geschäfte, spenden für wohltätige Zwecke und schicken ihre Kinder auf gute Schulen. Da werden sie in die klassische Bildung und die gute Gesellschaft eingeführt. Die Familie wird bürgerlich. Knechte, Mägde, Sklaven, die in die Freiheit entlassen werden und nichts mitbringen als ihre Arbeitskraft, verlieren in der Freiheit die letzte Fürsorge und geraten noch tiefer ins Elend, bis die Bande so zivil geworden ist, daß sie einsieht: Es ist besser, die Elenden an der gemeinsamen Beute ein wenig zu beteiligen. Sonst tun sie sich noch zusammen und werden gefährlich. Aber auch die bauen sich, sobald sie es sich leisten können, ein Häuschen und schicken ihre Kinder auf weiterführende Schulen, damit sie es einmal besser haben. Großbürger oder Kleinbürger, sie wollen Wohlstand, Eigentum und Bildung für sich und ihre Nachkommen. Dafür brauchen sie friedliche Zeiten.
   Aus Räubern werden Unternehmer, die ihr Vermögen in Maschinen, in Produktionsmittel, Industrien stecken, die alte ruinieren und neue Bedürfnisse, Freiheiten und Abhängigkeiten erzeugen. Um das Vermögen zu mehren, heiraten sie untereinander. Sie versuchen, die Türen von innen zu verriegeln. Aber die Türen lassen sich nicht ganz schließen. Die Ausgeschlossenen glauben, sie seien drinnen mit dabei. Die drinnen haben Angst herauszufallen. Wer ist drinnen? Neue Banden bilden sich, die im Namen der Ausgeschlossenen das Vermögen der Reichen zu plündern versuchen und sich selbst daran bereichern. Das Kapital der bürgerlichen Klasse kann man enteignen, ihren Habitus muß man kopieren. Das dauert länger. Indem man in ihn hineinschlüpft, wächst man unversehens ins Bürgertum hinein.

(…)

 

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Im Heft auf Seite 44

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