LI 139, Winter 2022
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Goethe und Beethoven

Zwei unbegreiflich hohe Türme mit unsichtbaren obersten Etagen

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Vielleicht ist es am besten, damit anzufangen, was Goethe und Beethoven nicht sind. Beethovens Musik ist nicht schroff und heroisch in dem Sinne, daß damit der Kern seiner Persönlichkeit erfaßt wäre. Wohl hat er Werke von gewaltiger Energie wie die Eroica und Fünfte komponiert und den späteren Teil seines Lebens leidend und gehörgeschädigt verbracht. Doch wo bleibt bei dieser Charakterisierung die profunde Versenkung seiner unvergleichlichen langsamen Sätze, sein dolce und espressivo, seine persönliche Grazie, seine Leichtigkeit, das Tänzerische seiner Finalsätze, sein Humor, der sich bis in die spätesten Werke verfolgen läßt? Ohne die ganze Breite seines Ausdrucksvermögens und Erneuerungsdranges wäre Beethoven nicht der große Komponist, den wir staunend und betroffen verehren. Goethe wiederum war nicht allein der Olympier oder Geheimrat, der stürmische Liebeslyriker oder der distanzierte Klassizist der Iphigenie, sondern alles auf einmal und noch viel mehr. Die Singularität beider beruht auf dieser kaum begreiflichen Vielfalt.
     Beide lebten sie in einer Zeit historischer und künstlerischer Umwälzung. Goethe, aber auch der um eine Generation jüngere Beethoven, verehrte Napoleon, dem Goethe Dämonie zuschrieb. Napoleon hatte Goethes Werther nach seiner eigenen Auskunft siebenmal gelesen. Während Beethoven seine Widmung der Dritten Symphonie an Napoleon zerriß, als dieser sich zum Kaiser ausrief, bewunderte Goethe ihn auch weiterhin. Er trug das Kreuz der Ehrenlegion, das Napoleon ihm verliehen hatte, und bewahrte ein Relief, das ihn darstellte, in Sichtweite neben seinem Schreibtisch. Anscheinend enthielt seine Kunstsammlung fünfzig Napoleon-Medaillen. Die patriotische Begeisterung, die Napoleon in Deutschland auslöste, hat Goethe nie geteilt.

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Was Beethoven und Goethe gemeinsam hatten, war der große Ruhm, der sie schon zu Lebzeiten hoch heraushob. Beethovens Sarg folgten in Wien viele Tausende, Goethe wurde in seinen späteren Weimarer Jahren von zahllosen Besuchern heimgesucht, die er fürstlich bewirtete. Sein Werther hatte ihn frühzeitig weltberühmt gemacht. Später war es der Faust, dessen Wirkung in Büchern, Dramen, Opern und Filmen sich über Jahrhunderte hinzog. Auch Beethovens Nachruhm als der international wohl berühmteste aller Komponisten hat immer weiter ausgegriffen. Während des letzten Krieges benützten die Alliierten sogar das Anfangsmotiv seiner Fünften Symphonie als Siegeszeichen – es entspricht in Morseschrift dem Buchstaben V für Victory: dreimal kurz, einmal lang. Die Neunte wiederum wird in allen Weltgegenden bei allen Gelegenheiten, die auf Frieden, Freiheit und Verbrüderung hinweisen, dem Publikum vorgesetzt, im Extremfall mit zehntausend Mitwirkenden. Napoleon hatte versucht, eine Welt zu erobern. Beethoven hat sie, wie es scheint, auf bleibende Weise erobert.
     Gemeinsam ist Goethe und Beethoven auch die Weite ihres Ausdrucksvermögens. Beethovens musikalische Erlebnisbreite reicht vom Lyrischen zum Heroischen, vom Einfachen bis ins Komplexe, vom Humoristischen zum Tragischen, von jeder Art von Bewegung, auch der tänzerischen, bis zu äußerster Ruhe, von der Extraversion bis in die innere Versenkung, vom Triumph bis zur Verzweiflung, von der Turbulenz bis zur Gefaßtheit, von Streichquartett, Sonate und Symphonie bis zur Bagatelle, vorübergehend und ausnahmsweise auch von der Kunst bis zu patriotischer Verirrung.
     Goethes Ausdrucksbereich ist ähnlich uferlos. Zu dieser Weite tritt aber auch noch die enorme Breite seiner Interessen. Da waren zunächst die Literaturen auch der anderen Länder. Goethe war sprachenkundig, las griechische und lateinische Texte in den alten Sprachen, schrieb als Halbwüchsiger Gedichte auf englisch und französisch, liebte die persische Lyrik, übersetzte aus dem Französischen, Englischen und Italienischen. Er las Kant und den für ihn noch wichtigeren Spinoza. Er sammelte, von Herder angeregt, Volkslieder und begrüßte freundlich die von Brentano und Arnim herausgegebene Sammlung der Volkspoesie Des Knaben Wunderhorn. Er befaßte sich mit Geschichte und Politik, mit dem Staatswesen, der Wirtschaft und dem Bergbau. Er nahm leidenschaftlichen Anteil an den Künsten und trug sich eine Zeitlang mit dem Gedanken, Maler zu werden. Von Winckelmann angeregt, schwärmte er für die Kunst der Antike, und Palladio wurde sein architektonischer Leitstern. Seine oft unterschätzten musikalischen Bedürfnisse seien nicht vergessen, sie richteten sich hauptsächlich auf das Lied, den Gesang und immer wieder die komische Oper; hier schrieb er eine ganze Reihe von Libretti für Singspiele und wirkte über viele Jahre hinweg als Direktor von Theater und Oper in Weimar, wo er auch immer wieder inszenierte und alle späteren Bühnenwerke seines Idols Mozart aufführen ließ. Vor allem fesselten ihn aber während der späteren Jahre die Naturwissenschaften. Die im Protest gegen Newton verfaßte Farbenlehre war ihm besonders wichtig. Seine phänomenologische Naturbetrachtung, die neuerdings eine Reihe von Fürsprechern findet, steht im Gegensatz zur empirischen Welt Galileos oder Newtons. Wenn es einen blinden Fleck in Goethes Wissensbegier gab, war es die von ihm kaum beachtete, ja geradezu mißbilligte Mathematik.

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Mehr von:
Alfred Brendel
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 50

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