LI 153, Sommer 2026
Nichts, vergoldet
Über den Midas-Komplex der AufmerksamkeitsökonomieElementardaten
Textauszug
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Nun ist die Verleugnung des tatsächlich wirkenden Betriebssystems, mehr noch: die sentimentale Aneignung der Vergangenheit die Signatur unserer Zeit. Great again! Dies mag erklären, warum der Nihilismus nicht wirklich zu sich findet, sondern, indem er sich in die Grandiositätsphantasien der Vergangenheit einhaust, sich erfolgreich jeglicher Selbsterkenntnis entzieht. Gewissermaßen sediert man den Phantomschmerz dadurch, daß man sich einer Phantomlust anheimgibt. Die Wirkungen dieses geistigen Eskapismus sind allerorten zu beobachten. Wenn das Wahre, Schöne und Gute unter Einkaufspreis zu haben ist, nimmt es nicht wunder, daß die Kunst zum Kitsch degeneriert, die Wahrheit zum Bullshit wird und die Moral vor allem als Tugendprotzerei, als moral grandstanding daherkommt.
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Versucht man den zeitgemäßen Nihilismus zu fassen, ist die vielleicht präziseste Deutung die Vorstellung einer untergründigen Aushöhlung, eines Prozesses, der die Gedankenfiguren sukzessive entkernt und ihrer Substanz beraubt hat. Diesen Entkernungsprozeß als eine Form der spätbürgerlichen Dekadenz zu begreifen geht an der Tatsache vorbei, daß die Entwertung der Werte auf eine materielle Umkodierung des Gesellschaftstriebwerks zurückgeht, auf einen digitalen Nihilismus, wenn man so will. Aber da sich dieser Prozeß in den letzten Dekaden schleichend vollzogen hat, man sich zudem an den unheimlichsten aller Gäste gewöhnt hat, hat man es nicht mit einer greifbaren Zäsur, sondern einer kaum wahrnehmbaren Verwandlung zu tun: „This is the way the world ends / Not with a bang but with a whimper.“ Folglich kann die Antwort auf den horror vacui, das Moment des Ungreifbaren, höchst paradox ausfallen. Denn man versucht, den Substanzverlust dadurch wettzumachen, daß man die Nichtigkeit aufbläst – und ihr eine unhinterfragbare Gestalt verleiht. Nun bleibt die Blasenbildung, als psychische Inflation, so lange unentdeckt, als ein jeder daran glaubt. Paradoxerweise bewirken die sozialen Medien, auch wenn sie hinterrücks die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie vorantreiben, daß das freie Radikal sich, MeToo, vor der Zudringlichkeit der Realitäten zu verschanzen vermag. Und weil das leise Wimmern durch Lautstärke übertönt werden kann, kann die Leere auch eine enthusiasmierende, betäubende Form annehmen. Denn die semantische Aufrüstung (pump up the volume!) führt wie zwangsläufig in die Welt des kategorischen Superlativs, in eine Sphäre, bei der es um Letztbegründungen geht. Folglich ruft man höhere Kräfte herbei (den edlen Wilden, das Menschenrecht, die Erdmutter Gaia), all dies, um der postmodernen Geistesverlegenheit zu entgehen. Daß die Ziele an sich ehrenwert sind, ist gewissermaßen das Entrée in jene Selbsttäuschungslogik, die der Magier Harry Houdini wunderbar in Worte gefaßt hat: Denn wo der Wunsch zum Vater des Gedankens wird, wird er zur Mutter der Sinnestäuschung. Ist dies der Fall, ist der Konflikt vorprogrammiert. Denn hinterrücks etabliert sich, was man doch lauthals bekämpft. Schon die postmoderne Vorstellung, daß alles (Geschlecht, Identität, Machtverhältnisse etc.) auf einen Sprechakt zurückgeht, trägt einen unauflöslichen Widerspruch, ja eine coincidentia oppositorum in sich. Denn weil man sich mit dieser Volte auf den Nennwert, das arbiträre Zeichen, geeinigt hat, ist es nicht sonderlich überzeugend, diese bloß behauptete Identität in den Essentialismus überführen zu wollen.
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Wie aber kann man der nihilistischen Verführung entgehen? Leichter gesagt als getan. Denn der Umstand, daß man sich in ein gedankliches Labyrinth hinein verirrt hat, das bei jeder Weggabelung in eine Sackgasse hineinführt, ist ein machtvoller Beleg dafür, daß die psychische Inflation, sofern sie der Selbstbehauptung souffliert, ein sehr viel erträglicherer Geisteszustand ist als das Eingeständnis der eigenen Ohnmacht. Und die Wahrscheinlichkeit, daß der Chor der Mißvergnügten an Größe und Lautstärke zunehmen wird, ist riesengroß. Beschreibt das Lamento über den „großen Lümmel“ (Heinrich Heine) schon jetzt einen Tiefpunkt des politischen Diskurses, erscheint der Hochmut der moralisch Überlegenen wie das Vorspiel eines noch tieferen Falls. Schon jetzt ist absehbar, daß auch diejenigen, die sich als Anywheres bislang zu den Globalisierungsgewinnern haben zählen können, von der digitalen Erschütterung heimgesucht werden – und wohl mit wachsendem Ressentiment darauf reagieren. Strukturell betrachtet, wird man so lange dem nihilistischen Bann unterliegen, als man den ungebetenen Gast als Fremdkörper betrachtet.
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