LI 130, Herbst 2020
Heftpreis: 13,90 € inkl. MwSt. 5%

Adieu, Hipster!

Achtung Neo-Spießer! Sex, Drugs and Rock' n' Roll gehören seit langem der Vergangenheit an - hier übernehmen aufgesetzte Bravheit und Langeweile innerhalb einer hermetischen, codierten Welt die Regie. Eines gleich vorweg: Nicht jeder Hipster ist ein Spießer und nicht jeder Spießer ist ein Hipster, aber in Summe ergibt die weltweite Hipster-Community mittlerweile eine verspießerte Gesellschaftsgruppierung. Egal ob New York, L. A., Berlin, Kopenhagen oder Wien: die Subkultur des Hipsters hat ihren Höhepunkt eben überschritten (sie ist längst im Mainstream angekommen), erobert aber stärker, als uns lieb ist, die trendigen Stadtviertel mit ihren auffallend unauffälligen Codes und ihrem ausgeprägten Neo-Spießertum. Aus dem angloamerikanischen Raum (sowie aus London) auf den europäischen Kontinent übergeschwappt, formierte sich das Hipstertum vor allem im skandinavischen und deutschsprachigen Raum. In Berlin schaffte es der obligate „Schnorrer“ nach Abebben der Wende-Folgeerscheinungen sogar übergangslos zum Hipster-Vampir. Ein Bravourstück! Hipster-resistent zeigen sich der südliche und östliche Teil Europas. Hier konnte er sich nicht durchsetzen: Divergierende Mentalitäten sowie Rezessionsnachwehen von 2008 und flächendeckendes Prekariat brachten die Bewegung innerhalb der Millennials und Generation X dort schnell an ihre Grenzen.

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Ein echter Hipster erlaubt sich und anderen keine Ecken und Kanten, er kleidet sich uniform und ist der Antagonist des Nonkonformisten, obwohl er sich für Letztgenannten hält. Darin liegt die Krux. Seine Klamotten sehen bewußt nach Stangenware von H&M oder Zara aus, entstammen aber teuren Brands, die nur er kennt. Er gibt die Kohle, die er hat, gerne aus für die Produkte, die er sich selbst geschaffen hat, aber mit Labels wie Isabel Marant oder High End Fashion will er nicht protzen. Ob schwarze Sonnenbrille oder optische Augengläser, sie werden in einer überschaubaren Brillenmanufaktur gefertigt, die sibirisches Birkenholz selbst im VW zum Prenzlauer Berg in Berlin oder zu einem Neubau in Wien karren läßt für die kostspieligen Fassungen.

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Neue Häuslichkeit
Überbordende political correctness (also dort, wo sie sich selbst zuwiderläuft, totläuft), Achtsamkeitssprech und Gender-Verballhornung ñ der Hipster gibt sich bei aller Korrektheit geschlechtstolerant, ein Allesversteher, übersensitiv, überverständnisvoll, überdiplomatisch, welcher der gegenwärtigen Männlichkeit nichts anderes als den obligatorischen Bartwuchs voranzustellen weiß, dabei die neue brave „Häuslichkeit“ zelebriert, als hätte die Gesellschaftsrevolution in den sechziger und siebziger Jahren nie existiert. Befreiung aus dem Elterndiktat? Emanzipation? Feminismus? What the f***!

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Mehr von:
Regina Hilber
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 124

Genre

Hauptthema
  • Die verspießerte Gesellschaftsgruppierung des Hipsters

Schlagworte

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