LI 127, Winter 2019
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1989 – 2019

Vom Aufbruch der Demokratie zur Rückwendung der Geschichte

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Jacques Rupnik: Zum Fall der Berliner Mauer kam es am Ende eines Prozesses, der durch eine Beschleunigung der Geschichte gekennzeichnet war. Das zerfallende Sowjetreich brach mit Perestroika und Glasnost allmählich zusammen. Es stieß auf das gleiche Dilemma wie vor ihm das russische Reich: das System zu reformieren, während man zugleich das Reich reformierte. Die von Gorbatschow in Gang gesetzte Dynamik führte zum Auseinanderbrechen des Sowjetreichs. Der Rückzug der Roten Armee aus Afghanistan hatte gezeigt, daß die Sowjetunion darauf verzichtete, sich an ihrer Peripherie mit Gewalt durchzusetzen. Zum gleichen Zeitpunkt – und dies steht im Zusammenhang mit dem zuvor Gesagten – erklärten sich die Führer der Länder innerhalb der sowjetischen Einflußsphäre bereit, Verhandlungen mit der Gesellschaft aufzunehmen. In Polen nahm General Jaruzelski mittels der sogenannten Verhandlungen am Runden Tisch, die im Februar 1989 eingeleitet wurden, den Dialog mit jenen Oppositionsführern auf, die er während des am 13. Dezember 1981 verhängten Belagerungszustandes noch inhaftiert hatte. Diese Verhandlungen führten zu einer Vereinbarung, die das Ende des kommunistischen Machtmonopols sowie die Abhaltung von freien Wahlen für 35 Prozent der Sitze des Sejms (der ersten Kammer) und für alle Sitze des Senats (der zweiten Kammer) vorsah; diese Wahlen fanden am 4. Juni 1989 statt, an ebenjenem Tag, als die Demonstrationen auf dem Tian’anmen-Platz gewaltsam niedergeschlagen wurden! Daß beide Ereignisse gleichzeitig eintraten, veranschaulicht die zwei Optionen, die sich damals anboten: einerseits Gewaltverzicht und Demokratisierung, ein Weg, den die Führer der mitteleuropäischen Länder wählten, und andererseits die autoritäre Modernisierung, für die sich die Kommunistische Partei Chinas entschied.

SOWJETS UND DSCHIHAD

Gilles Kepel: Die Macht und der Repressionsdrang der Chinesen waren ungebrochen, während die Rote Armee nur noch ein Papiertiger war. Zbigniew Brzeziński, der nationale US-Sicherheitsberater, äußerte sich folgendermaßen über die Invasion der Roten Armee in Afghanistan: „An dem Tag, als die Sowjets offiziell die Grenze überschritten hatten [am Weihnachtsabend 1979], schrieb ich Präsident Carter sinngemäß: ‘Wir haben jetzt die Möglichkeit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu verschaffen.’“ Einem Journalisten von Le Nouvel Observateur, der ihm am 15. Januar 1998 vorwarf, er habe die Entwicklung des politischen Islam gefördert, indem er die afghanischen Kämpfer unterstützte, stellte Brzeziński die folgende Frage: „Was ist am wichtigsten: der Zusammenbruch des Sowjetimperiums oder ein paar aufgehetzte Islamisten?“ Die Amerikaner erkannten nicht, daß es hinter den Mudschaheddin die Dschihadisten gab. Der Begriff „Dschihadist“ wurde geprägt, um hervorzuheben, daß diese Kämpfer keine Einheimischen waren: Sie kamen aus Algerien, Ägypten, Pakistan …
     Die Sowjets waren überzeugt, daß ihre Intervention in Afghanistan keine internationalen Auswirkungen haben würde. Tatsächlich jedoch leisteten die Amerikaner einem von den Saudis finanzierten antikommunistischen Aufstand schnell Hilfe. Hierin findet man die Ursache für die internationalen Wirren unserer Tage. Dieser „bewaffnete Freiheitskrieg“ oder Dschihad brachte die Sowjets in Schwierigkeiten. Indem man vom „Dschihad“ sprach – ein Wort, das außer Gebrauch gekommen war und nun zum ersten Mal in der Neueren Geschichte benutzt wurde –, übernahm man von der Welt des Islam die Terminologie dessen, was zur Großerzählung nach 2001 werden sollte. Die Bezugnahme auf den Dschihad betraf nicht nur den Kampf zwischen den Vereinigten Staaten, die sich der in den USA als „Freiheitskämpfer“ bezeichneten Dschihadisten als Stellvertreter bedienten, und der UdSSR. Dies war auch eine Möglichkeit, den saudischen sunnitischen Islam zu unterstützen, der im November 1979 zum Ziel des Angriffs auf die Große Moschee in Mekka geworden war; diesen Anschlag hatten radikale Islamisten verübt, und die schiitische Konkurrenz aus Teheran hatte ihn angestiftet. So entstand die Konfrontation zwischen Schiiten und Sunniten, die heute die Situation im Nahen Osten strukturiert. Die sunnitischen afghanischen Dschihadisten begründeten die „Mode“ des internationalen Dschihad, und deren entfernte, aber direkte Folge war, daß französische Kämpfer ins Kalifat aufbrachen.
     Der Dschihad siegte in Afghanistan, bevor er in den neunziger Jahren in Algerien und Ägypten scheiterte. Osama bin Laden vertrat die Ansicht, daß die Sunniten keinen Nutzen aus dem Dschihad ziehen konnten, weil sie die Medienschlacht gegenüber den Schiiten verloren hätten, als Chomeini die Fatwa gegen Rushdie erließ. Der 11. September 2001 war die entschiedene sunnitische Reaktion auf die schiitische Konkurrenz. Noch dazu kommt die Botschaft, die in dem Datum enthalten ist, das für diesen Angriff auf amerikanischem Boden festgelegt wurde: Es gab tatsächlich einen Spiegeleffekt zwischen Nine-Eleven (11. September) und Eleven-Nine (9. November). Diese Daten – entsprechend den in den Vereinigten Staaten geltenden Datumsangaben – stehen für den Einsturz der Twin Towers und den Fall der Berliner Mauer. So überlagerte das islamistische Millennium das neue christliche Jahrtausend, und die dschihadistische Großerzählung überdeckte die kommunistische Groß­erzählung.

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 19
Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann

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