LI 133, Sommer 2021
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Coole Ekstase

Im offenen Geist des Urbanismus gegen die Erstarrung der Architektur

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Heinz-Norbert Jocks: Hat sich Ihre Vorstellung von der Stadt im Laufe der Jahre verändert?

Rem Koolhaas: Ich habe in allen Städten, die ich kennenlernen durfte, unglaubliche Veränderungen beobachtet, und offensichtlich haben sie sich in den letzten Jahren erneut verändert. Gerade wegen der zunehmenden Rasanz der Veränderung ist es ein Ding der Unmöglichkeit, die Idee einer „Idee“ der Stadt zu fassen.

 

Heinz-Norbert Jocks: Wie könnte eine Stadt der Zukunft aussehen?

Rem Koolhaas: Es wäre unglaublich, wenn die Krise der Nachhaltigkeit uns allen mehr Zeit gäbe, zu entscheiden, was entscheidend, wünschenswert, produktiv, großzügig und wichtig ist. Und es wäre großartig, wir könnten jeder Komponente der Stadt viel mehr Aufmerksamkeit schenken, nicht in bezug auf „Design“, sondern in bezug auf Definition – es gibt eine Reihe von Typologien, Domänen, Logistik, wo ganze Ketten noch immer funktionieren, ohne hinterfragt und durchdacht zu werden, was aber Sinn machen würde. Das wurde evident, als das Evergreen-Frachtschiff im Suezkanal feststeckte. Hat jemals jemand zugestimmt, daß Schiffe derart lang sein sollten? Wenn man darüber nachdenkt, es gibt riesige Teile der Welt, in denen große Entscheidungen scheinbar qua Autopilot getroffen werden, unabhängig von Politik oder kritischen Bewertungen.

 

Heinz-Norbert Jocks: Architektur konstituiert neue Lebensformen und negiert alte. Sie hat also erheblichen Einfluß auf das Leben?

Rem Koolhaas: Architektur ist ungeheuerlich in der Art und Weise, wie jede Wahl zur Reduzierung der Möglichkeiten führt. Dies impliziert ein Regime von Entweder-Oder-Entscheidungen, die selbst für den Architekten oft klaustrophobisch sind. Architektur ermöglicht und verhindert, nimmt weg. Ihre Mythologie, ihre Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit und Aura … Das ist eine paradoxe Ideologie. Sie vermittelt ein großartiges Gefühl, wenn sich Aktivitäten auf neue Art und Weise arrangieren und kombinieren lassen. Gleichzeitig ist es alarmierend, daß Architektur diese Neuheit „fixiert“, möglicherweise für Jahrzehnte. Das ist der Grund, warum ich in den letzten Jahrzehnten immer mehr versucht habe, in unserer Architektur selbst die Mentalität des Urbanismus gegen die Starrheit der Architektur zu mobilisieren. Denn Architektur friert ein bestimmtes Programm ein und schließt alternative Nutzungen aus. Der Urbanismus ist sein Gegenteil: er antizipiert Veränderungen, ermöglicht Evolution, verlangt Flexibilität. In unseren Gebäuden versuchen wir, mehr auf die Mentalität des Urbanismus zu gründen, der als Ideologie mehr darin involviert ist, Veränderungen, Offenheit, verschiedene Nutzungen und Evolution einzubeziehen und vorwegzunehmen und Lücken, Unklarheiten, undefinierte Bereiche, Redundanzen, Nutzungen in der Architektur zu lassen.

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Heinz-Norbert Jocks: Wie können Städte wie Berlin so umgestaltet werden, daß sie den heutigen Wohn- und Lebensbedürfnissen gerecht werden?

Rem Koolhaas: Modernismus war zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem Funktionalismus – also ein Bestreben, die Qualität jedes Gebäudes so genau wie möglich einer Reflexion seiner programmatischen Bestimmung zu unterziehen. Doch die Funktion ist nicht stabil, so daß eine durchschnittliche Berliner Wohnung aus dem 19. Jahrhundert einem Bewohner in einer Pandemie des 21. Jahrhunderts erheblich mehr bietet als eine Wohnung aus den zwanziger oder fünfziger Jahren. Weil die Planung ungenauer ist. Sie ist allgemeiner. Aus diesem Grund wurde das Generikum in der zweiten Hälfte meiner Karriere zu einem großen Thema, zu einer Art Versicherungspolice gegen Absurdität, Übertreibung, Verschwendung und auch „Bewahrung“, teilweise aus demselben Grund. Im Kontext davon, nichts Nützliches zu verschwenden, aber auch Strukturen mit einer größeren Lebensdauer und Relevanz zu berücksichtigen und, wenn möglich, zu entwerfen und zu konstruieren.

 

Heinz-Norbert Jocks: Was macht die Vielfalt oder Diversität einer Stadt aus?

Rem Koolhaas: Impliziert Ihre Frage, ob Vielfalt wünschenswert ist? Für mich ist „Aufmerksamkeit“ ein Thema, das neu überdacht werden muß, eigentlich brauchen wir eine Überdosis davon aber ein allgemeines Defizit davon ist unser realer gemeinsamer Zustand. Sollen wir Aufmerksamkeit einfordern, sie gewähren? Ist Ignorieren ein Verdienst? Es gibt Städte, die aufgrund ihres Mangels an Vielfalt interessant sind, wie Paris und Amsterdam. Andere wiederum sind unerträglich und alles andere als überzeugend aufgrund eines Zuviels an Vielfalt, wie Shanghai. Derzeit ist die bizarre Glaubwürdigkeit von Städten durch die Manifestationen von Ungleichheit unter starken Druck geraten.

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Heinz-Norbert Jocks: Was fasziniert Sie an Städten wie Dubai? Das Fehlen einer langen Geschichte?

Rem Koolhaas: Es gibt keinen „Mangel an Geschichte“. Die Römer, die Perser und die frühen Christen, das Osmanische Reich, sie alle waren in Dubai. Es gab Städte, Gräber, Kriege, Kulturen … in Katar im Jahr 800 Siedlungen mit 15 000 Menschen. Das Besondere an diesen Städten in der aktuellen Phase ist, daß du als Architekt Teil einer laufenden Modernisierungswelle bist, typischerweise ausgelöst dadurch, daß die Bewohner anfingen, Lizenzgebühren für ihr Öl zu fordern, anstatt sich systematisch ausbeuten zu lassen. Wir nennen es noch immer die Ölkrise, und man kann ihre Aktivitäten viel direkter verstehen. Als Architekt erlebt man dort die Kombination aus lokalem Ehrgeiz, lokalem Talent, lokalen Werten und deiner eigenen möglichen Ausrichtung, Partizipation, Kontext und Interpretation. Das ist, was sie übernehmen, aber natürlich ist der kreativste Teil unserer Arbeit, die großen „Kollaborationen“ zwischen Partnern, Waren, Materialien, Wissen, Instruktionen, Kompromissen zu orchestrieren. Wenn dies gelingt, kommt beim Schaffen von Realität ein unglaubliches Gefühl kollektiver Kreativität auf. Dieser Aspekt, der Großzügigkeit erfordert und einem Kritiker beinahe völlig verborgen bleibt, wird von der Öffentlichkeit in Zukunft hoffentlich in größerem Maß bemerkt werden.

 

Heinz-Norbert Jocks: Die Geschwindigkeit, mit der sich Städte wie Peking von einem Tag zum nächsten verändern, ist schwindelerregend. Von einigen chinesischen Künstlern, um die fünfzig Jahre alt und älter, wie Liu Xiaodong, wird diese bis zu (zeitweiligen) Momenten der Orientierungslosigkeit führende, rasante Geschwindigkeit des kompletten Umbaus thematisiert.

Rem Koolhaas: Es gibt ganze Generationen, für die diese Geschwindigkeit oder Änderungsfrequenz die neue Normalität ist. Die Natur der Stadt hat sich drastisch vom Sinnbild der Stabilität zur Darstellung der Beschleunigung umgekehrt. Beim Urbanismus geht es um die gleichzeitige Ambition von Stagnation, Erhaltung städtischer Substanz und Beschleunigung.

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Heinz-Norbert Jocks: Diese Umwälzung hatte eine utopische Dimension. Von Ernst Bloch und Walter Benjamin stammt die Idee des „utopischen Surplus“ der Vergangenheit. Sagt Ihnen das etwas?

Rem Koolhaas: Für mich ist Architektur, die nichts mit utopischen Ambitionen zu tun hat, buchstäblich wertlos. Der Grad dieser Ambition definiert den Grad des Utopismus. Aber heute gibt es angeblich keinen Raum mehr für utopisches Denken. So viele Utopien sind gescheitert, wurden entlarvt, mußten als Alibi für schreckliche Verbrechen herhalten. Vielleicht ist „Nachhaltigkeit“ – im Umgang mit der Klimakrise – eine schöne neue Utopie, eine Utopie, welche die unterschiedlichsten politischen Systeme verbinden könnte. Man kann schon hier und da einige weniger utopische Unterströmungen erkennen. Ein kollektiver Traum! Sie müssen schon weit zurückgehen, um etwas Ähnliches zu finden.

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Im Heft auf Seite 56

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