LI 128, Frühjahr 2020
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Requiem fürs Netzwerk

Subjekte ohne Projekte suchen nach einem neuen digitalen Untergrund

Dies ist das Zeitalter des Netzwerksterbens. Klein ist belanglos. Die berüchtigte Schwammigkeit und Unverbindlichkeit ihrer faulen Mitglieder hat das ehemals niedliche postmoderne Konstrukt der „Netzwerke“ beinahe zugrunde gerichtet – Plattformen erledigten den Rest. Dezentralisierung mag noch immer in Gunst stehen, aber niemand spricht mehr von Netzwerken als Lösung für die Schwierigkeiten, in denen sich soziale Medien befinden. Wo sind all die Netzwerke hin?

In diesem Zeitalter des Subjekts ohne Projekt gibt es keinen „Untergrund“ mehr. Es war einmal eine angesagte Taktik nach dem Kalten Krieg, ein, zwei, drei, viele Netzwerke aufzubauen – als Alternative zu den vom Verfall bedrohten Institutionen wie Gewerkschaften oder politischen Parteien. Damals galten Netzwerke zweifelhaften Organisationen wie der RAND Corporation – einem Thinktank zur Militärberatung in den USA – als Tarnkappentechnik, die Schurkenstaaten und/oder andere Akteure, die als Feinde der US-amerikanischen Weltordnung galten, unterwandern, stören und durchdringen konnten. Infolge der Demokratisierung des Internets hat das Konzept des „Netzwerks“, das in den 1980er Jahren englischsprachig zunächst im Bankensektor [financial network, deutsch: Finanzverbund] eingeführt wurde, heute den Status eines „gesunkenen Kulturguts“ erreicht. War es der „offene“, informelle Charakter „des Netzes“, der zu dessen Untergang führte – oder vielmehr die Absenz eines kollektiven Willens, irgend etwas anderes zu tun, als sich von Klickködern [clickbait] umwerben zu lassen?

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In der Zwischenzeit wurde der Begriff „Netzwerk“ elegant aus dem technologischen Vokabular getilgt. (…) Nicht einmal die aktivistische Literatur arbeitet noch viel mit dem Begriff, und die mathematische und sozialwissenschaftliche „Netzwerkforschung“ ist seit mehr als einem Jahrzehnt vorüber. Tatsächlich hat die Linke sich nie bemüht, sich das Konzept „zu eigen“ zu machen; das tat höchstens „die globale Zivilgesellschaft“, eine handverlesene Auswahl an Nichtregierungsorganisationen, die bei ihrem Versuch, auf transnationaler Ebene in den Bereich der institutionellen Politik einzutreten, mit Manuel Castells’ Netzwerkgesellschaft spielten. Die Verteilung von Macht über Netzwerke stellte sich als unerfüllter Traum heraus. Die Aufwertung „flacher Hierarchien“ – einer Vorstellung, die besonders von jenen befürwortet wurde, die auch für „das Netzwerk ist die Botschaft“ einstanden – wurde von einem Plattformsystem ersetzt, das von Influencern angetrieben wird, denen passiv-aggressiv und ohne irgendwelche Konsequenzen alle anderen als „Follower“ folgen. Mangels einer Umverteilung von Wohlstand und Macht „netzwerken“ wir fieberhaft weiter – unter dem kalibrierten Auge der Plattform-Algorithmen. Was ist also mit dem Netzwerkgedanken geschehen?

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Es mag sein, daß der informelle Charakter von Netzwerken unwissende Außenstehende dazu ermutigt, ihnen beizutreten; doch kann ebendies auch zu einer Kultur des fehlenden Engagements führen sowie zur Bildung informeller Hierarchien und Machtspielen unter jenen, die darin am aktivsten sind. Was sollen wir tun? Antworten? „Liken“? „Retweeten“? Diese Unsicherheit ist Teil der Netzwerkarchitektur, wenn es nicht die Pseudo-Aktivität von Likes, Klicks und Ansichten gibt. Es ist einfach, Netzwerken beizutreten – und sie wieder zu verlassen. Sie erfordern weder eine formale Mitgliedschaft noch die Schöpfung eines Profils – meistens ist bloß ein willkürlicher Nutzername und ein Paßwort erforderlich. Aber Netzwerke fallen auch nicht einfach vom Himmel, auch wenn Ereignisse wie Aufstände und Flashmobs manchmal anderes nahezulegen scheinen. Auf Plattformen werden die charakteristische Ebbe und Flut, das Auf und Ab von Netzwerken durch einen kontinuierlichen Fluß an Botschaften ersetzt (oder überwunden). Anstatt uns zum Handeln einzuladen, erfordert dies, daß wir die meiste Zeit dafür aufbringen, auf dem neuesten Stand zu bleiben – in einem konstanten Zustand seichter Panik versuchen wir, uns durch den Rückstand an Tweets und Neuigkeiten hindurchzuarbeiten, den wir in den letzten Tagen verpaßt oder ignoriert haben. Erschöpft und zu fertig, um irgend etwas anderes zu tun, bleiben wir in einem nahezu komatösen Zustand zurück und denken über die zur Gewohnheit gewordene Leere nach. Eine Leerheit – von dem Gefühl verstärkt, daß es nichts Besseres zu tun gibt – ist eine der wesentlichen affektiven Konsequenzen dieses Massentrainings für eine automatisierte Zukunft. Plattformen erzeugen eine psychische Blockade gegen das Denken und Handeln (um es in Mark Fishers Worten zu sagen); ihr „Dienstleistungsdesign“ ist dergestalt, daß wir nicht länger zum Handeln verlockt werden, sondern statt dessen bloß unsere Empörung oder Sorge zum Ausdruck bringen. Dies sind „Netzwerke ohne Anliegen“, die uns dazu ermutigen, auf jedes Ereignis vor allem und ausschließlich mit nackten Meinungen und Grundsatzantworten zu reagieren.

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Die Form des Netzwerks verkörpert hingegen eine konstruktivistische Sicht des Sozialen als weder technisches Protokoll noch als bloße Gegebenheit, sondern als lebenswichtiges Element oder als Versorgungsleistung der Gesellschaft, die stets von Menschen neu erschaffen, instand gehalten und gepflegt werden muß: Ansonsten brechen Netzwerke rasant schnell zusammen. Das steht in starkem Kontrast nicht nur mit der instrumentalistischen Sicht des Silicon Valley, sondern auch mit jener der Naturwissenschafts- und Technikforschung (STS), deren Vertreter*innen einer Bewunderung für autopoietische Automatisierung frönen, bei der kein launenhaftes Hirn [cranky wetware] die Party zu versauen droht und für die Netzwerke das „allzu Menschliche“ verkörpern: verletzlich, launisch, unvorhersehbar, manchmal langweilig oder auch exzessiv und – nun ja – manchmal außer Kontrolle. Diese Netzwerkeigenschaften können alle durch Moderation, Filterung, Zensur und algorithmisches Regieren gehandhabt und verwaltet werden; aber sie können nicht für immer beseitigt werden.

Was geschieht, wenn wir beginnen, soziale Medien aus einer instrumentalistischen Perspektive zu betrachten und dieses Skinnersche Dogma auf heutige Plattformen anwenden: „Eine Person wirkt nicht auf die Welt ein, die Welt wirkt auf sie ein“? Anders als es von den meisten kulturwissenschaftlichen Ansätzen vertreten wird,, die die neoliberale Subjektivität des konkurrierenden Selbst betonen, gibt es für Zuboff keine Individualität mehr: Als Teil der Herde sind wir darauf programmiert, zu tun, was unser digitaler Instinkt uns sagt.

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Wie kam es zu dieser Netzvergessenheit? Wenn ein Netzwerk zu groß wurde, sollte es sich einst erst zersetzen, dann neu gruppieren und dann seine Struktur auf eine höhere oder Metaebene replizieren, um ein „Netzwerk der Netzwerke“ zu schaffen. Für jene, die an der Schwelle zu den 1990er Jahren zugegen waren, spielten sich einige dieser Dynamiken offenkundig und sichtbar ab. Heute klingen die grundlegenden Netzwerkprinzipien – Dezentralisierung, Verteilung, Zusammenschluß – noch immer idealistisch und großartig und doch unerreichbarer als je zuvor. Historisch gesprochen, begannen die Schwierigkeiten gleich nach der Hochphase ihres Einflusses. Als die Internetbevölkerung in den späten 1990er bis frühen 2000er Jahren exponentiell zu wachsen begann, erreichte die Auffächerung ihren kritischen Punkt, als Nutzer*innen anfingen, alle zu denselben Webseiten zu strömen. Konzeptuell gesprochen, begann das Web 2.0 mit „skalenfreien Netzwerken“, die einen Grad der Verteilung entsprechend des Potenzgesetzes aufwiesen.

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Mehr von:
Geert Lovink
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 43
Aus dem Englischen von Jen Theodor

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