LI 139, Winter 2022
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Des Atems beraubt

Was bleibt? Vielleicht nichts. Oder vielleicht die Spur eines Hauchs

(…)

„Wir“ – die Ärzte, Soziologen, Politiker, Philosophen – sind außer Atem gekommen und sind es immer noch. Gewiß, wir haben viel geredet, sowohl um das Phänomen und seine Ursachen zu analysieren, als auch um Bekämpfungsstrategien zu erfinden oder die Erwartungen, Befürchtungen und Hoffnungen zu projizieren, die durch die „Welt danach“ – wie man oft sagte – aufgeworfen werden.
     Doch wurde in jedem Bereich – anfangs selbst im medizinischen – alles mögliche und das Gegenteil davon gesagt. Man hat unaufhörlich Widersprüchlichkeiten produziert, sei es im Hinblick auf zu ergreifende Maßnahmen und ihre sozioökonomischen Folgen oder auf die den Staaten obliegenden Notwendigkeiten und die Gefahr, daß unsere Freiheiten dabei Schaden nehmen könnten, oder sei es im Hinblick auf die Lehren, die bezüglich des Wachstums und aus dem steigenden Bedarf an technischen Innovationen zu ziehen wären und so fort. Sie wissen all das.
     Eine solche Anhäufung von Divergenzen und Ungewißheiten weist keinerlei Ähnlichkeit mit etwas Bekanntem auf und gleicht bestenfalls noch dem ungeordneten und angsterfüllten Zustand der römischen Welt ab dem 4. Jahrhundert (ich werde noch darauf zurückkommen). Genau deshalb gilt es, all unseren Reden eine Feststellung hinzuzufügen: Wir sind des Atems beraubt (nous sommes soufflés). Wir sind erstaunt über das, was der globalisierten Welt weltweit zustößt. Wir sind aufgrund unserer technobiologischen Schwierigkeiten völlig außer Fassung gebracht, vor allem aber sind wir, wie es scheint, dabei, die meisten unserer großen ideologischen, kulturellen und politischen Anhaltspunkte endgültig zu verlieren. Wir könnten es auch mit anderen Worten sagen: Wir sind betroffen, wir sind berührt und getroffen (touchés). Es steht außer Frage, daß toucher („berühren“) einige Bedeutungen und Variationen besitzt, die mit souffler („hauchen“) verwandt sind. Letzteres stellt in der Tat die leichteste, die am wenigsten greifbare Form von Berühren dar. Das Berühren, das berührt, ohne wirklich zu berühren. Was aber dennoch ganz anders ist als der Atem, den es einem verschlägt (souffle coupé), was der wichtigste Effekt des Hinweggeblasen-Seins ist (de l’être, soufflé).

3.

Wir sind des Atems beraubt, und diese Atemlosigkeit findet nichts anderes zu sagen als dies: Man wird Lehren ziehen müssen aus dem, was also geschehen hatte können. Doch dieser Imperativ, der uns immer und überall eingehämmert wird, verbirgt die Tatsache, daß wir in bezug auf die Zukunft völlig unwissend sind. Dieses Nichtwissen ist neu für uns und läßt uns ebenfalls erstaunt zurück: Wir waren derart daran gewöhnt, Zukünfte zu projizieren – welcher Art auch immer –, daß wir seit langem (seit drei oder vier Jahrhunderten) im Vertrauen auf einen Fortschritt lebten. Einen nicht nur technischen, sondern auch sozialen, moralischen oder, alles in allem, zivilisatorischen Fortschritt.

(…)

Auf diese Weise erscheint uns unsere Vergangenheit wie aufgeblasen: aufgebläht von illusorischen Befriedigungen – und die Zukunft, die sich von ihr ausgehend entwirft, kann nur analog zu ihr erscheinen. „Morgen wird alles bessergehen“, diese Parole des Modernismus erlaubt nichts anderes mehr zu erwarten als immer schlimmere Morgen.
     Die alten Römer des 5. Jahrhunderts, die alten Feudalherren und die alten Christen des 16. Jahrhunderts haben nicht viel anderes gesagt. Sie sahen – auf jeweils ziemlich unterschiedliche Weise, gewiß – eine Vergangenheit in Ruinen und konnten kaum eine Zukunft erwarten, da sie diese nur mit den ererbten Instrumenten zu denken vermochten. Analoge Situationen lassen sich unter allen Bedingungen vorstellen, wenn eine Zivilisation (die ägyptische, die chinesische, die der Maya oder die von Aksum …) ins Wanken gerät.
     „Ins Wanken geraten“ ist nicht in jedem Fall das passende Wort. „Mutieren“ ist manchmal angemessener: Die genetische Ausstattung ändert sich. Das ist mit Rom geschehen und das geschieht eben gerade. Rom hatte die Gene einer Welt-haftigkeit (mondialité) herausgebildet, ein Recht, bestimmte Techniken in Verwaltung, Stadtleben und Militär sowie schließlich eine Religion, die nicht mehr von einzelnen Völkern abhängt. Wir erleben nunmehr eine weitere Mutation. Jedes der erwähnten Gene ist dabei in Mitleidenschaft gezogen (en souffrance).

(…)

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Mehr von:
Jean-Luc Nancy
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 6
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

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Hauptthema
  • Es fehlt an jenem Denken, mit dessen Hilfe der Geist das Undurchdringliche erkennt

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