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Lettre 153_ Kaloki Nyamai
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LI 153, Sommer 2026

Europas Erwachen

Der Weg zu einem proeuropäischen demokratischen Mitteleuropa

(…)

Dem Projekt der europäischen Integration und folglich der Europäischen Union hat man bisweilen vorgeworfen, daß es keinen „europäischen Traum“ gebe, der dem „amerikanischen Traum“ äquivalent wäre.32 Gewiß, es fällt nicht leicht, sich in Hunderttausende von Seiten voller europäischer Richtlinien und Normen zu verlieben. Es geht jedoch um etwas anderes. Wir haben nicht einen „europäischen Traum“, weil jedes Land seinen eigenen hat. Für die Deutschen war es vor allem die Rehabilitierung nach dem Krieg und der neue Rahmen für Wohlstand und die Versöhnung mit den Nachbarn. Für die Franzosen war es die Gelegenheit, nach dem Verlust der Weltmachtposition eine neue internationale Rolle zu finden. Für die Italiener war es eine willkommene Kompensation für die Schwäche des Nachkriegsstaats und die Kluft zwischen Nord- und Süditalien. Für die Iren eine Zuflucht, um mit den Briten gleichzuziehen. Für Spanien und Polen die Rückkehr zur Demokratie, vor allem aber in den Hauptstrom des europäischen Geschehens nach einer langen Phase, in der man davon abgeschnitten war. Für die Tschechen und die Slowaken ein Wiedersehen nach ihrer Trennung und das Verwischen der neu entstandenen Grenze. Und für alle Mitteleuropäer war es vielleicht der Beitritt zur Union als westlichem Zufluchtsort und Ersatz für ein verlorenes Reich – nicht das Sowjetreich (!), sondern für jenes, das nach 1918 untergegangen war. Die Kraft des europäischen Gedankens und die Anziehungskraft des europäischen Projekts sowie ihr vermutlich kaum zu überschätzender Beitrag bestehen darin, daß sie es ermöglichen, diese unterschiedlichen Träume von Europa miteinander in Einklang zu bringen und zu kombinieren. 
     Im Jahre 1989 bedeutete „Rückkehr nach Europa“ für diejenigen, welche die Ereignisse in Mitteleuropa gestalteten – Persönlichkeiten wie Bronisław Geremek oder Václav Havel –, die Möglichkeit, Europa zu vereinigen, verbunden mit einem tief verwurzelten Bewußtsein der Zusammengehörigkeit – „Europa als Aufgabe“.33 Heute ist das bereits nur noch eine Selbstverständlichkeit oder vielmehr eine anerkannte Notwendigkeit. Wie Donald Tusk Anfang 2025 so treffend bemerkte: „500 Millionen Europäer erwarten, daß 340 Millionen Amerikaner sie vor 140 Millionen Russen beschützen.“ 
     Europa kann sich heute nicht mehr darauf verlassen, daß irgend jemand (vielleicht jenseits des Ozeans) seine Krisen und Bedrohungen für es löst. Der 1989 begonnene Zyklus ist abgeschlossen, heute befindet sich Europa erneut am Scheideweg. Die bisherigen Vorstellungen beruhten darauf, daß das Zentrum Europas seinen Einfluß auf die Peripherie ausweitet. Heute dringen Wellen der Destabilisierung von der aufgewühlten Peripherie im Osten wie im Süden bis ins Zentrum der Union vor. Auf diese Herausforderung sind die bisherigen Integrationsmodelle nicht vorbereitet, sie zwingt dazu, das europäische Projekt neu zu definieren. Es ist an der Zeit, daß Europa die Verantwortung für sein eigenes Schicksal übernimmt. 

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Die kommende Ausgabe Lettre 154 erscheint Ende September 2026.