LI 119, Winter 2017
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Die Maske des Gentleman

Der stille und häßliche Amerikaner – Porträt eines kalten Kriegers

Er war keine Romanfigur wie James Bond. Er war ein real existierender amerikanischer Kollege des fiktiven britischen Snobs und Geheimdienstagenten mit der Lizenz zum Töten. Aber er war der Stoff, aus dem Romane gemacht werden. Über ihn wurden vielleicht ebenso viele Bücher geschrieben wie über 007 und sogar einige Filme gedreht. Die Village Voice schrieb von seinem „Leben in Technicolor-Faszination“. In den einschlägigen Kreisen rühmte man ihn als „legendäre Figur auf dem Gebiet der Aufstandsbekämpfung“. Oliver North, der Organisator jener nicht so geheimen Operation gegen Nicaragua, die später als die Iran-Contra-Affäre in die Geschichte eingehen sollte, betete ihn „beinahe mit religiösem Eifer“ an, wie die Washington Post wußte. Er selbst bezeichnete sich als einen „politischen Krieger, der für die Verbreitung der Pax Americana kämpft“.
     Schon acht Jahre nach den Ereignissen schrieb der französische Offizier, Kriegsberichterstatter und Schriftsteller Jean Lartéguy über ihn. Aus Enttäuschung über die Niederlage in Dien Bien Phu, aus verletztem Nationalstolz und beleidigt über das beginnende Engagement der Amerikaner, deren Bemühungen erfolgreicher zu verlaufen schienen, wünschte er ihnen ein mindestens ebenso verheerendes Debakel, wie es seine französischen Landsleute dort erlitten hatten. Man kannte in französischen Militärkreisen die umtriebigen amerikanischen Soldaten, die sogar schon vor Dien Bien Phu ihr eigenes tödliches Spiel in Vietnam spielten. „Er war weder ein außergewöhnlicher Nachrichtenoffizier noch ein Kenner politischer Entwicklungen. Aber er war ein meisterhafter Theaterinspizient. Er konnte den übelsten Schurken auftreiben, den unerfahrensten Neuling und aus einem Bandenführer einen Präsidenten der Republik machen; aus einem verhaßten alten Kauz einen allmächtigen Diktator“, beschrieb Lartéguy Oberst Terryman, Hauptfigur und Alter ego des US-Agenten, in seinem Bestseller Le Mal jaune (deutsch: Das gelbe Fieber). Er „glaubte nicht an Gott, doch manchmal dachte er an Ihn, aber stets in Gestalt eines Inspizienten. Er reduzierte Ihn auf Prozessionen, Gottesdienste, blumengeschmückte Altäre und den Klang von Orgelmusik. Gott brauchte keinen PR-Manager.“
     „Nachrichtenoffiziere wie Jack Lovett sind zurückhaltend, wachsam, nur berufsmäßig freundlich. Ihre Antworten scheinen pragmatisch, sind aber häufig auffallend abstrakt, bezogen auf Systeme, die nur sie verstehen. Sie sehen andere Menschen als Joker, in der Hand nützlich, im Kartenstapel auf dem Tisch aber gefährlich. Und sie streben nach Beschäftigungen, in denen sie ihre eigenen Karten ausspielen können“, charakterisierte ihn die amerikanische Schriftstellerin und Essayistin Joan Didion in ihrem Roman Democracy. Hätte ihn ein Who’s who aufgeführt, „hätte ein solcher Eintrag seltsame Widersprüche enthüllt, außergewöhnliche Aufenthaltsorte zu ungewöhnlichen Zeiten. Da wäre der Einsatz in Vientiane erwähnt, die Einsätze in Haiti, Quebec, Rawalpindi …. Und da wären Lücken geblieben. Die militärische Laufbahn hätte erratisch, wie vom Kurs abgekommen gewirkt.“
     William Lederer und Eugene Burdick schließlich machten aus einem all-American boy Oberst Hillandale den „häßlichen Amerikaner“, dessen Arroganz und Ethnozentrismus gegenüber den Völkern der Dritten Welt die guten amerikanischen Absichten bedrohten. Der häßliche Amerikaner wurde zu einem der einflußreichsten Bücher jener späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, als Washington und mit ihm der ganze Westen beinahe hysterisch einen weltweiten Vormarsch des Kommunismus befürchteten.1 Allein in den USA verkaufte sich das Buch sieben Millionen Mal, 72 Wochen lang stand es auf der New-York-Times-Bestsellerliste, Präsident Eisenhower und die Medien lobten es als „verantwortungsvolle Kritik, ohne von neutralistischen Ideen infiziert zu sein … [Es] half, jene Atmosphäre zu schaffen, in der Präsident John F. Kennedy zu einem nationalen Fitneß-Programm aufrufen würde, Amerikas Bereitschaft, jede Last zu tragen, erklärte, das Peace Corps gründete, die Special Forces aufbaute und neue Taktiken in der Aufstandsbekämpfung verkündete, um den kommunistischen ‘Volkskrieg’ in Südvietnam zu bekämpfen.“ Der nach dem Buch gedrehte Film mit Marlon Brando in der Rolle des US-Botschafters in der Hauptstadt eines imaginären südostasiatischen Staats trug zusätzlich zur Legendenbildung bei.
     Die berühmteste und in Geheimdienstkreisen wie in Feuilletons heiß diskutierte und heftig umstrittene Darstellung lieferte Graham Greene, der ihn als „Der stille Amerikaner“ vorstellte, der naiv an seine und Amerikas Mission glaubte, andere Länder und Völker mit dem American Way of Life beglücken zu müssen. Alden Pyle, Greenes Protagonist, „war undurchdringbar geschützt von seinen guten Absichten und seiner Ignoranz …. Bewaffnet mit Vietnamkenntnissen, die nur aus Büchern stammen“, versucht Pyle eine „dritte Kraft“ zwischen der französischen Kolonialmacht und den kommunistischen Unabhängigkeitskämpfern zu etablieren. Auch nach einem von ihm organisierten Bombenanschlag, dem 200 unbeteiligte Frauen, Kinder und Männer zum Opfer fallen, kann er in seinem Handeln keinen Fehler erkennen. Er erklärt die zerfetzten Körper kurzerhand zu Kriegsopfern, collateral damage.

 

Spion und Strippenzieher

Geheimdienstagenten pflegen ihre Profession in der Regel von Berufs wegen zu verheimlichen. Doch Journalisten, Schriftsteller, Filmregisseure und nicht zuletzt er selbst machten ihn zum bekanntesten Geheimdienstagenten der amerikanischen Central Intelligence Agency: Edward G. Lansdale, Luftwaffengeneral und während des Zweiten Weltkriegs Mitarbeiter des CIA-Vorläufers OSS (Office of Strategic Services). In zahlreichen Artikeln verbreitete die Presse seinen Ruhm, popularisierte seinen lebenslangen Kampf gegen den Kommunismus und machte ihn zur Agenten-Celebrity. Wo immer der Kalte Krieg in einem heißen Stellvertreterkrieg der Systeme aufflackerte, schien es Lansdale zu sein, der die Feuer löschte – mal als geschickter diplomatischer Strippenzieher in den Palästen der Macht, mal als wagemutiger Meisterspion an der Front. „Ich fragte mich gerade, ob Du im Kongo, in Kuba oder in Laos bist“, erkundigte sich ein Freund in einem Brief nach seinem aktuellen Einsatzgebiet.
     „Einsam und jeder bürokratischen Organisation abgeneigt, war Lansdale in Asien beinahe zwanzig Jahre lang eine Legende, eine amerikanische Version von T. E. Lawrence“, verglich ihn der damalige Saigoner Büroleiter der New York Times mit Lawrence von Arabien. Ein Magazin kürte ihn zu Amerikas tödlichstem Geheimagenten und behauptete, Ho Chi Minh höchstpersönlich habe die Order erteilt: „Tötet Lansdale unter allen Umständen!“ Ein Reporter von Associated Press beschrieb ihn als „Mystery Man von Südvietnam“, der in Washingtoner Regierungskreisen als „Königsmacher“ gesehen werde. Sogar Regierungsmitglieder erlagen gerne dieser Ikonographie. „Nichts passiert in Saigon, wo Ed nicht seine Finger drin hat“, glaubte ein Bewunderer im State Department. „Er weiß, wer welche Leichen im Keller hat.“ Und CIA-Direktor William Colby hielt ihn gar für einen der „zehn größten Spione aller Zeiten, den unkonventionellen Krieger par excellence, der furchtlos jedes Risiko auf sich nimmt, um die Interessen Amerikas zu verteidigen“.
     Doch viele dieser reißerischen Artikel und Erzählungen vom sprichwörtlichen lonesome cowboy, der heroisch und allein die Kommunisten in ihre Schranken verweisen kann, würden heute als fake oder alternative news abgelegt werden. „Schlechte Nachrichten für Rote Warlords“ kündigte die Washington News an: „Lansdale ist unterwegs in Richtung Vietnam.“ Der Verfasser konnte kaum seinen Enthusiasmus unterdrücken, daß Lansdale endlich von den Washingtoner Bürokraten „losgelassen“ wurde und den Kalten Krieg so führen durfte, wie es ihm vorschwebte. „Wenn es einen Amerikaner gibt, dessen Name Asiens Rote in Wut versetzt, dann ist es Ed Lansdale.“ Tatsächlich gehörte Lansdale in besagtem Fall zu einer von General Maxwell Taylor angeführten Gruppe, die im Auftrag Präsident Kennedys die Lage in Vietnam analysieren sollte.

(…)

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Mehr von:
Armin Wertz
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 101

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