LI 066, Herbst 2004
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Das Leben, das Überleben

Vom Ethos des Denkens und von der Chance des europäischen Erbes

Jean Birnbaum:  Lassen Sie uns zu Beginn dieses Gesprächs auf Marx' Gespenster (1993) zurückkommen. Ein entscheidendes Buch, das eine Etappe darstellt, ein Buch, das zur Gänze der Frage einer kommenden Gerechtigkeit gewidmet ist und mit folgendem Auftakt einsetzt: „Jemand, Sie oder ich, tritt vor und sagt: Ich möchte endlich lernen, endlich lehren, zu leben." Wie steht es nun, zehn Jahre später, um diesen Wunsch nach einem savoir-vivre?
Jacques Derrida: Es ist dort vor allem von einer „neuen Internationale" die Rede, so der Untertitel und das zentrale Motiv des Buches. Jenseits des „Kosmopolitismus", jenseits des „Weltbürgers" wie auch eines neuen weltumspannenden Nationalstaats antizipiert dieses Buch alle Dringlichkeiten einer „Globalisierungskritik" beziehungsweise „anderen Globalisierung" (urgences altermondialistes), an die ich glaube und die heute klarer zutage treten. Was ich damals eine „neue Internationale" nannte, würde – so sagte ich 1993 – zahlreiche Veränderungen im internationalen Recht und bezüglich jener Organisationen mit sich bringen, die die Weltordnung regeln (IWF, WTO, G 8 und so weiter, vor allem die UNO, bei der sich zumindest ihre Charta, ihre Zusammensetzung und vor allem ihr Sitz ändern müßte – und zwar so weit wie möglich von New York entfernt ...).
Was die von Ihnen zitierte Formulierung betrifft („endlich lernen, endlich lehren, zu leben"), so ist sie mir eingefallen, als das Buch schon fertig war. Sie spielt in erster Linie, aber auf ernsthafte Weise, mit ihrer allgemeinen Bedeutung im Französischen. „Apprendre à vivre" („zu leben lernen/lehren"), das heißt reifen, aber auch erziehen. Sich an jemanden zu wenden, um ihm zu sagen: „Je vais t'apprendre à vivre" (wörtlich: „Ich werde dich lehren, zu leben"), das bedeutet, bisweilen mit einem drohenden Unterton: Ich werde dich formen, ja dich dressieren. Allerdings – und das Doppeldeutige dieses Spiels ist mir besonders wichtig – öffnet sich dieser Seufzer auch einer noch schwierigeren Fragestellung: Leben, kann man das lernen? Kann man das lehren? Kann man durch Disziplin oder durch Lernen, durch Erfahrung oder durch Experimentieren lernen (oder lehren), das Leben zu akzeptieren, ja mehr noch: zu bejahen? Diese Beunruhigung hinsichtlich des Erbes und des Todes klingt das ganze Buch hindurch an. Sie treibt sowohl die Eltern als auch ihre Kinder um: Wann wirst du verantwortlich werden? Wie wirst du schließlich die Verantwortung für dein Leben und für deinen Namen übernehmen?
Um ohne weitere Umschweife auf Ihre Frage zu antworten: Nein, ich habe niemals leben-gelernt. Ganz und gar nicht! Zu leben lernen, das müßte bedeuten, zu sterben lernen, zu lernen, der absoluten Sterblichkeit (ohne Heil, weder Auferstehung noch Erlösung – weder für sich selbst noch für den anderen) Rechnung zu tragen, um sie zu akzeptieren. Seit Platon lautet der philosophische Imperativ: Philosophieren heißt sterben lernen.
Ich glaube an diese Wahrheit, ohne mich ihr zu ergeben. Und zwar immer weniger. Ich habe nicht gelernt, den Tod zu akzeptieren. Wir alle sind Überlebende mit einer Aufschubsfrist. (Und vom geopolitischen Standpunkt von Marx' Gespenster aus liegt in einer Welt, die ungleicher ist denn je, der Nachdruck vor allem auf den Milliarden von Lebenden – seien es Menschen oder nicht –, denen außer den elementaren „Menschenrechten", die 200 Jahre alt sind und an Umfang ständig zunehmen, zunächst einmal das Recht auf ein Leben verweigert wird, das es wert ist, gelebt zu werden.) Ich bleibe unerziehbar, was die Weisheit des Zu-sterben-wissens (savoir-mourir) betrifft. Ich habe diesbezüglich weder etwas gelernt noch erworben. Die Zeit des Aufschubs schrumpft immer schneller. Nicht nur, weil ich, gemeinsam mit anderen, Erbe von so vielem bin, Gutem wie Schlechtem: Da der Großteil der Denker, mit denen ich verbunden war, gestorben ist, behandelt man mich immer öfter wie einen Überlebenden: als letzten Repräsentanten einer „Generation", jener, grob gesagt, der sechziger Jahre; was, ohne strenggenommen wirklich wahr zu sein, in mir nicht nur Einwände, sondern auch Gefühle einer etwas melancholischen Revolte hervorruft. Da zudem noch gewisse gesundheitliche Probleme immer dringlicher werden, stellt sich mir die Frage des Überlebens oder des Aufschubs, der Frist, die mich schon immer, in jedem Moment meines Lebens heimgesucht hat – im wahrsten Sinne des Wortes –, heute in etwas anderen Farben dar.
Ich habe mich stets für dieses Thema des Überlebens interessiert, dessen Sinn nicht zusätzlich zum Leben oder zum Sterben hinzutritt. Es ist etwas Ursprüngliches: Leben ist Überleben. Überleben im landläufigen Sinne bedeutet fortfahren zu leben, aber auch nach dem Tod leben. In bezug auf die Übersetzung betont Walter Benjamin die Unterscheidung zwischen dem Überleben, den Tod überleben, wie ein Buch den Tod seines Autors oder ein Kind den Tod seiner Eltern überleben kann, einerseits, und dem Fortleben, living on, fortfahren zu leben, andererseits. Sämtliche Begriffe, die mir bei meiner Arbeit geholfen haben, namentlich der der Spur oder der des Gespenstischen, waren mit dem „Überleben" als strukturaler Dimension verbunden. Es ist weder vom Leben noch vom Sterben abgeleitet. Auch nicht von dem, was ich als „ursprüngliche Trauer" bezeichne. Diese wartet nicht auf den sogenannten tatsächlichen Tod.

(...)

Liegen Sie, was Europa betrifft, nicht mit sich selbst im Krieg? Einerseits betonen Sie, daß die Attentate des 11. September die alte geopolitische Grammatik souveräner Mächte zunichte machen und so die Krise eines bestimmten Begriffs des Politischen besiegeln, den Sie als spezifisch europäisch definieren. Andererseits bewahren Sie sich eine gewisse Anhänglichkeit an diesen europäischen Geist und an das kosmopolitische Ideal eines internationalen Rechts, dessen Niedergang Sie beschreiben. Oder dessen Überleben ...
Man muß das Kosmopolitische aufheben. (Siehe dazu Cosmopolites de tous les pays, encore un effort!, 1997.)Wenn man „politisch" sagt, bedient man sich eines griechischen Worts, eines europäischen Begriffs, der immer schon den Staat, die mit einem nationalen Territorium und mit Autochthonie verbundene polis-Form, voraussetzte. Welche Brüche es innerhalb dieser Geschichte auch immer geben mag, dieser Begriff des Politischen bleibt dominant, selbst in dem Moment, da zahlreiche Kräfte in Auflösung begriffen sind: Die Souveränität des Staates ist an kein Territorium mehr gebunden, genausowenig die Kommunikationstechnologien und die Militärstrategie, und diese Auflösung stürzt den alten europäischen Begriff des Politischen tatsächlich in die Krise. Und den Begriff des Kriegs gleich mit und auch den der Unterscheidung zwischen dem Zivilen und dem Militärischen oder zwischen nationalem und internationalem Terrorismus.
Ich glaube jedoch nicht, daß man sich gegen das Politische ereifern sollte. Das gilt auch für die Souveränität, die in bestimmten Situationen durchaus Gutes an sich hat, zum Beispiel wenn es darum geht, gegen bestimmte weltumspannende Marktmächte zu kämpfen. Auch hier handelt es sich um ein europäisches Erbe, das man zugleich bewahren und transformieren muß. Dasselbe sage ich in Schurken (2003) auch von der Demokratie als europäischer Idee, die gleichzeitig noch nie in befriedigender Weise existiert und die also noch zu kommen hat. Sie werden bei mir in der Tat immer wieder auf diese Geste stoßen, für die ich keine letzte Rechtfertigung habe, außer vielleicht der, daß das eben ich bin, daß es eben so um mich bestellt ist.
Ich liege mit mir selbst im Krieg, das ist wahr, Sie können gar nicht wissen, wie sehr, mehr als Sie ahnen, und ich sage widersprüchliche Dinge, die, sagen wir, in einem wirklichen Spannungsverhältnis stehen, die mich erschaffen, die mich leben und die mich sterben machen werden. Ich betrachte diesen Krieg bisweilen als einen schrecklichen und peinigenden Krieg, gleichzeitig weiß ich aber, daß eben so das Leben ist. Ich werde erst in der ewigen Ruhe Frieden finden. Ich kann also nicht sagen, daß ich diesen Widerspruch auf mich nehme, aber ich weiß auch, daß eben dies mich am Leben hält und mich die Frage stellen läßt, die Sie gerade noch einmal in Erinnerung gerufen haben: „Wie kann man lernen (oder lehren), zu leben?"

In zwei jüngst erschienen Büchern (Chaque fois unique, la fin du monde und Béliers, 2003) sind Sie auf die große Frage des Heils, der unmöglichen Trauer, kurzum des Überlebens, zurückgekommen. Wenn die Philosophie als „sorgende Vorwegnahme des Todes" definiert werden kann, kann man dann die „Dekonstruktion" als eine unendliche Ethik des Überlebenden betrachten?
Wie ich bereits in Erinnerung rief, habe ich von Anfang an und lange vor den Erfahrungen des Überlebens (survivance), die ich gerade vergegenwärtige, betont, daß das Überleben (survie) ein ursprünglicher Begriff ist, der die Struktur selbst dessen darstellt, was wir Existenz oder Dasein nennen, wenn Sie so wollen. Wir sind strukturell gesehen Überlebende, die durch die Struktur der Spur, des Testaments geprägt sind. Wenn ich dies sage, möchte ich aber keinesfalls jener Interpretation freien Lauf lassen, derzufolge das Überleben eher auf der Seite des Todes und der Vergangenheit steht als auf der des Lebens und der Zukunft. Nein, die Dekonstruktion steht immer schon auf der Seite des Ja, der Bejahung und Behauptung des Lebens.
Alles, was ich – mindestens seit „Pas" (in: Parages, 1986) – über das Überleben als Komplikation des Gegensatzes von Leben und Tod gesagt habe, rührt bei mir von einer unbedingten Bejahung des Lebens her. Überleben, das heißt Leben über das Leben hinaus, mehr Leben als das Leben, und meine Rede ist keine todbringende Rede, sondern im Gegenteil die Affirmation eines Lebenden, der das Leben (le vivre) und also das Überleben (le survivre) dem Tod vorzieht, denn Überleben, das ist nicht einfach das, was übrigbleibt, es ist das Leben in seiner größtmöglichen Intensität. Nie werde ich derart von der Notwendigkeit zu sterben heimgesucht als in Augenblicken des Glücks und des Genießens. Genießen und den ungeduldig lauernden Tod beklagen, das ist für mich ein und dasselbe. Wenn ich mir mein Leben in Erinnerung rufe, bin ich geneigt zu denken, daß ich das Glück und die Chance gehabt habe, selbst die unglücklichen Momente meines Lebens zu lieben und für sie dankbar zu sein (sie zu segnen). Fast alle, von einer Ausnahme abgesehen. Und wenn ich mir die glücklichen Momente in Erinnerung rufe, so bin ich auch für sie dankbar (segne ich natürlich auch sie), gleichzeitig drängen sie mich jedoch dem Gedanken an den Tod, dem Tod entgegen, denn es ist vergangen, vorbei ...

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 10
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

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