LI 069, Sommer 2005
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Projekt Amazonien

Die Geographie des Begehrnens und die Widerstandskraft der Natur

Eines Tages wird der Geographieunterricht vielleicht vernünftiger sein, und man wird den Kindern erklären, daß hier auf Erden nicht nur Quadratkilometer, Bevölkerungsdichte, Bruttosozialprodukt zählen, daß der menschliche Geist eine schwer meßbare, doch äußerst wichtige Dimension besitzt, nämlich die des Fernwehs, des Aufbruchs ins Ungewisse, zu den Inseln des Glücks. Und daß neben einer Geographie, die sich mit wirtschaftlichen, physiologischen und anthropologischen Gegebenheiten beschäftigt, eine „phantastische“ Geographie eine ganz konkrete Rolle spielt. Die Erde als Scheibe zu betrachten ist eine Sache, eine andere ist, zu behaupten, sie sei rund und drehe sich um die Sonne. Das ist mehr als nur Blasphemie oder ein Scheiterhaufen: Männer überqueren Meere wegen dieser Idee. „Von oben gesehen“ ist unser Planet bestimmt sehr schön. Doch „von der Traumperspektive aus“, wie sie Jahrhunderte hindurch gesehen wurde, erschien die unbekannte, jungfräuliche Erde ihren Bewerbern noch sehr viel begehrenswerter, denn das geographische Begehren gehorcht den Gesetzen der Liebe.

Und so ist Amazonien seit jeher das verborgene Antlitz unserer Welt, die uneinnehmbare Jungfrau, die sich auch den stürmischsten Angriffen des Kapitalismus widersetzt. Die unversehrte Grenze. Rational läßt sich Amazonien folgendermaßen beschreiben: ein Gebiet von 6 Millionen Quadratkilometern, zum größten Teil von äquatorialem Regenwald bedeckt, drei Fünftel davon gehören Brasilien, der Rest verteilt sich auf Peru, Bolivien und Venezuela; es wird durchflossen vom Amazonas und seinen Nebenflüssen, besitzt eine äußerst vielfältige Flora und Fauna, ein Viertel aller Vogelarten unseres Planeten, ein Fünftel aller Süßwasserreserven und so weiter. Das ist viel und gleichzeitig auch sehr wenig. Vor allem ist Amazonien die Matrix unzähliger Phantasien, das Land „Eldorado“, die „Grüne Hölle“ oder die „Lunge der Erde“ und, was am wichtigsten ist, das letzte Heiligtum der Natur, ein Überbleibsel aus der Zeit vor der Ankunft der Europäer. Also nicht nur ein Gebiet auf der Karte, sondern eine Geschichte im Gedächtnis der Menschheit.

Selbst sein Name stammt aus Europa. Nachdem Francisco Pizarro Peru in seine Gewalt gebracht hatte (1530–1535), beauftragte er seinen jüngeren Bruder Gonzalo, nach Osten zu gehen, um nach dem Zimt und nach El Dorado zu suchen, nach einem König, von dem er gehört hatte, der in einem Palast aus Edelsteinen lebte und dessen Körper ganz mit Gold bedeckt war. Zusammen mit dem jungen Francisco de Orellana, 300 spanischen Soldaten, 4 000 Indios und Tieren machte sich Gonzalo auf den Weg. Ein gefährliches und gnadenloses Unternehmen. Auf die Indios, die sie unterwegs befragten und die keine Antwort auf ihre Fragen wußten, hetzten sie ihre Hunde; die andern zogen es vor, die Neugierde der Weißen mit erfundenen Geschichten zu befriedigen, so daß diese immer weiter und weiter zogen. Da die Indios häufig von Kriegerinnen sprachen, die es im Wald geben sollte, machten sich die Spanier schließlich die Legende zu eigen und nannten sie Amazonen wie jene Frauen, die laut Herodot gegen die Skythen kämpften. Der große Fluß wurde zum Strom der Amazonen, und der Name setzte sich für die ganze Region durch.

Von den Chronisten weiß man, daß der Kontakt der Europäer mit den Bewohnern der Neuen Welt eher einem methodischen Genozid als einem Spaziergang à la Rousseau glich. Die Konquistadoren waren auf der Suche nach Gold, und um in seinen Besitz zu kommen, waren ihnen alle Mittel recht, Mord, Verrat, Folter und schließlich auch der Name des Erlösers. Als sie bemerkten, daß das Gold sich in den Anden, in Potosí, befand, verabschiedeten sie sich leichten Herzens von diesem immensen, strapaziösen und trügerischen Wald, der nur noch Sklavenhändler, christliche Missionare und Kaufleute anlockte, wobei die Soldaten Gottes den Aposteln des Handels auf dem Fuß folgten. Engländer, Franzosen und eine Mehrheit von Portugiesen ließen sich entlang der Flüsse nieder, wo sie Tiere oder Produkte des Regenwaldes verkauften, ohne wirklich in sein Inneres vorzudringen; trotzdem wurde den Portugiesen, wie später auch den Brasilianern, ziemlich schnell klar, daß sie eines Tages ihre Ansprüche auf diesen Raum gegenüber ihren Rivalen durchsetzen mußten, damit Amazonien nicht in ein internationales Rechtsvakuum fiel, wo es allen und niemanden gehörte.

Auch wenn man vor den mythischen Amazonen schließlich die Angst verlor, weil man sie sowieso nie zu Gesicht bekam, bedeutete das noch lange nicht, daß man die Eingeborenen schätzte, die dort in einem andern Raum und einer anderen Zeit lebten, unverständliche „Wilde“, weder besser noch schlechter als die zivilisierten Eindringlinge, aber eindeutig unterlegen, was die Waffen betraf. Das Martyrium der Indios und die 300 Jahre Einsamkeit lassen sich unmöglich hier wiedergeben. Vor der Eroberung Amazoniens durch die Portugiesen lebten in seinem brasilianischen Teil 8 Millionen Indianer im Einklang mit der Natur. Heute sind es gerade 200 000. Die aus Europa eingeschleppten Krankheiten (von den Pocken bis zur Syphilis) haben viel zu ihrer Dezimierung beigetragen; die von den Siedlern bewirkte Entwurzelung tat ihr übriges.
(…)

Mehr von:
Michel Braudeau
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 92
Aus dem Französischen von Uta Goridis

Genre

Hauptthema
  • Die wirtschaftliche Ausbeutung des Amazonasgebiets

Schlagworte

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