LI 136, Frühjahr 2022
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Zeichen und Tabu

Wie die Ungeheuer der Vernunft in die Welt gerieten

Das Tabu ist eine polynesische Beigabe, die in der Folge von James Cooks dritter Weltumsegelung von 1778 Eingang in das europäische Denken gefunden hat. Cook seinerseits, der das Wort erstmals in Tahiti aufgeschnappt hatte, hatte schnell erkannt, daß mit diesem Begriff eine Reihe höchst unterschiedlicher Objekte und Verhaltensweisen belegt wurden, ja, daß ein Objekt, das man während eines Rituals als tabu dargestellt hatte, nichts weiter war als ein leerer Behälter: ein Sinnbild mithin. Jedoch konnte dieses Sinnbild höchst ansteckend sein. Eine Hand, die etwas Verbotenes berührt hatte, wurde als tabu erklärt und durfte nichts weiter berühren, bis ihr Besitzer sich einer Waschung unterzogen oder vom Stammeshäuptling für rein erklärt worden war – tat sie es dennoch, galt nun auch das entsprechende Objekt als kontaminiert. Wann immer Cook oder einer seiner Untergebenen Anstalten machte, ein Tabu zu verletzen, erhob sich ein lautes Geschrei: tabu! Im Umgang mit dem Tonga-Stamm, der ihm verschiedene Anlässe zum Studium des Tabus bot, kam Cook zu dem Schluß, daß es sich um ein „Wort mit einer weitreichenden Bedeutung“ handele: „Menschenopfer werden tangata taboo genannt; und wenn es ein Verbot gibt, etwas zu essen oder zu benutzen, sagt man, das Ding sei tabu. Sie sagen uns, daß, wenn der König zufällig in ein Haus geht, das einem Untertan gehört, dieses Haus tabu ist und nie mehr vom Besitzer bewohnt werden kann; so gibt es überall, wohin er reist, besondere Häuser für seinen Empfang.“
     Insofern derlei Regeln höchst unverständlich anmuten, stellt sich die Frage, was der Grund für die abenteuerliche Karriere ist, die dem Tabu im abendländischen Denken zuteil wurde. Historisch fällt die Popularität des Tabubegriffs mit der Entdeckung zusammen, daß der Schlaf der Vernunft Ungeheuer gebiert – eine Einsicht, zu welcher der Blutrausch der Französischen Revolution das Seine beisteuerte. In diesem Sinn ist die Integration des polynesischen Fremdkörpers die Entdeckung einer inneren Fremde – das, was Freud später das „innere Ausland“ genannt hat.
     Wurden die Gegenaufklärer nicht müde, in alledem einen Rückfall in die Barbarei zu sehen, dehnte sich auch der Konterpart des Tabus im Seelenhaushalt der Aufklärung aus: der Fetischismus. Gilt der Fetisch auch als afrikanische Spezialität, so handelt es sich in Wahrheit um den Reimport eines europäischen Konzepts. Sprachlich leitet sich der Fetisch vom lateinischen „factitius“ her, also „künstlich gemacht, hergestellt“ – nur daß der Begriff, über das portugiesische „feitiço“, in der Begegnung der Afrikaner mit den mechanischen Artefakten, als Hexenwerk und heidnisches Kultbild nach Europa zurückgeschickt wird. Während also die Sache im Fetisch dämonisch aufgeladen wird, kehrt mit dem Tabu eine sonderbare Scheu ins Denken zurück – freilich nicht als Problem des eigenen Denkens, sondern als Charakteristikum einer grundsätzlich fremden, primitiven Kultur. Diese Einsicht ist dem 19. Jahrhundert vorbehalten, das mit Marx und Freud gleich zwei Theoretiker aufbot, die das Konzept des Fetischismus im Untergeschoß des europäischen Denkens ansiedelten – und als das Verdrängte des Gesellschaftstriebs dingfest machten. Sieht man einmal von den Entschleierungstänzen der Mode und ihren lustvoll inszenierten Tabubrüchen ab, so hat man dem Tabu (im Vergleich zum Fetischismus jedenfalls) vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit gezollt. Max Webers These von der Entzauberung der Welt läuft auf die Behauptung hinaus, daß das europäische Denken sich von jener abergläubischen Berührungsfurcht frei gemacht hat, wie sie im Tabubegriff all­gegenwärtig ist. Folglich kann er behaupten, daß es im abendländischen Denken weder Tribalismus noch Tabuschranken gebe. Ein Tabu, wie es vom Stamm der Kikuyu berichtet wird, ist jedenfalls undenkbar. Wenn dort ein Ältester oder eine Frau beim Verlassen der Hütte ausrutscht und zu Boden geht, ist er oder sie tabu und bleibt dort liegen, bis einige der Ältesten aus der Nachbarschaft kommen und ein Schaf opfern.

SCHMUTZ UND SYSTEM
Von der Anthropologin Mary Douglas stammt der wunderbare Satz: „Wo Schmutz ist, ist auch System.“ Wenn etwas als unrein deklariert wird, verbietet es sich, das Objekt zu berühren, geschweige denn, es als Nahrung zu sich zu nehmen. In jedem Fall ist mit der Markierung des Unreinen eine symbolische Ordnung verbunden: die Unterscheidung, welche Dinge man meiden und welche man gefahrlos zu sich nehmen kann. Weil die Tabus in primitiven Gesellschaften auf eine symbolische Ordnung hindeuten, deren Ziel in der Gefahrenabwehr liegt, läßt sich verallgemeinern, daß die Funktion des Tabus in der Aufrechterhaltung dieser Ordnung liegt – oder ins Negative gewendet: in der Abwehr alles Toxischen. Mag das Abendland, der Formel des Paulus gemäß („Dem Reinen ist alles rein“, Titus 1,15), sich hier eine Generalabsolution erteilt haben, enthält das Alte Testament mit dem Levitikus ein Dokument wilden Denkens, das vorführt, wie sehr noch das biblische Israel von primitiven Reinheitsvorstellungen affiziert war. Hier nämlich werden die Gläubigen angehalten, nur das zu essen, „was die Klauen spaltet und wiederkäut“ – weswegen Kamel, Hase und Schwein als unrein gelten. Zwar ist die Einordnung des Hasen, der ein Nicht-Paarhufer, aber kein Wiederkäuer ist, schlichtweg falsch, aber dies führt nur vor Augen, daß die Klassifikation hinter der peniblen Einhaltung des Tabus zurückstehen muß. In jedem Fall erstreckt sich die Auflistung über mehrere Seiten und sieht, als Taxonomie des Eßbaren und des Unreinen, präzise Diätregeln vor, ebenso wie vorgeschrieben ist, was passiert, wenn jemand etwas von der unreinen Speise angerührt hat. Bezeichnenderweise ist das Tabu nicht auf das als unrein geltende Objekt beschränkt, sondern mit einer weitreichenden Infektionsdrohung verbunden.      Folglich gilt auch derjenige, der das Aas eines unreinen Tieres berührt, als „unrein … bis auf den Abend. Und wer dieser Aase eines tragen wird, soll seine Kleider waschen und wird unrein sein bis auf den Abend“ (3 Moses 11, 24–25). In den Reinheitsvorschriften, wie sie der Levitikus ausbreitet, wird ein tribalistischer Rückstand sichtbar, der von der abendländischen Zivilisation fast vollständig überdeckt worden ist.
     Wie aber kommt es dazu, daß das Tabu seine Bedeutung verliert?

(...)

DER MAGISCHE ZIRKEL
Schaut man auf die alphabetische Ordnung zurück, die bald drei Jahrtausende intakt geblieben ist, ja, heute noch den ersten Schritt unseres Bildungsprogramms markiert, könnte man sagen, daß man es mit dem Tabu aller Tabus zu tun hat: einer Institution, die eine Form der Unantastbarkeit besitzt, die allen Imperien, ja selbst den großen monotheistischen Religionen versagt geblieben ist. Die Beantwortung der Frage, wie eine historische Institution ewige Jugend, ja, eine intakte Virginität hat aufrechterhalten können, ist schon deswegen ein Rätsel, weil das Tabu in den Stammesgesellschaften eine hochgradig wandelbare, ja, flexible Institution darstellt.           Ändert sich die Welt und kommt eine neue Gefahrenquelle in den Blick, wird kurzerhand ein neues Tabu etabliert. Woher also rührt die erstaunliche Langlebigkeit (über die sich schon Kant verwunderte, als er bemerkte, daß die Logik seit Aristoteles keinen Schritt vor und keinen Schritt zurück getan hat)? Was unterscheidet das Alphabet von den symbolischen Ordnungen, die ihm vorausgegangen sind?

(...)

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Im Heft auf Seite 88

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