LI 154, Herbst 2026
Bizets Meisterstück
Femme fatale, Verführerin und Anarchistin – Die Modernität von „Carmen“Elementardaten
Genre: Musiktheorie, Kulturgeschichte
Textauszug: 1.523 von 29.551 Zeichen
Textauszug
(....)
Neben Salome ist Carmen ein Prototyp der Femme fatale, die durch ihren enormen weiblichen Reiz Verderben bringt. Als Angehörige eines vermeintlich niedrigen Stammes und einer fremden Volksgruppe wird sie außerhalb der bestehenden Ordnungen angesiedelt. Damit wurde die Femme fatale mit dem Typus der „Zigeunerin“ verknüpft. Prosper Mérímée beschreibt Carmen als eine seltsame, wilde Schönheit mit einem Gesicht, das einem anfangs fremd anmutete, das man aber nicht mehr vergessen konnte. Und ihren Augen schreibt er einen zugleich wollüstigen und grausamen Ausdruck zu. Carmens Attraktivität hat etwas mit ihrer Andersartigkeit zu tun – begehrenswert kommt sie in kraftvoller Schönheit daher und läßt das bisherige Liebesobjekt, die „gute Frau“ (Mutter und Schwester), verblassen. Statt Bereitschaft zum Verzicht demonstriert sie Willen zur Lust.
Der tragische Schluß der Novelle resultiert folgerichtig aus der Unvereinbarkeit der Hauptcharaktere und ihren konträren Lebensauffassungen:4 Während José in seiner unbedingten Liebe abgezirkeltes Glück und vor allem Dauer ersehnt, liebt Carmen ihre Freiheit über alles, ihre Liebesabenteuer sind kurzlebig, sie will genießen und sucht nach Abwechslung. Möglicherweise liefert das frauenfeindliche Motto des griechischen Epigrammatikers Palladas von Alexandrien, das Mérimée seiner Erzählung voranstellte, einen Hinweis auf die Tendenz der Novelle. Es lautet in freier Übersetzung: „Jede Frau ist bitter wie Galle, aber sie hat zwei gute Stunden: eine im Bett und eine im Tod.“
(...)