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Lettre 154, Titel Ann Wong Wan Yee
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Inhaltsverzeichnis

LI 154, Herbst 2026

Im Schatten Ostjerusalems

Bittere Schönheit und versperrte Pfade

Vor den Toren
Jerusalem, in Hybris geteilt in Ost und West und bewohnt in Zorn, liegt seit fast genau drei Jahren in einem unruhigen Moratorium. Seine Schönheit ist bitter und schließt Fremde, die von Traumata nichts wissen können, aus. Wenn zur Nacht hin die Altstadt ihre Läden schließt, stehen Tempel, Kirchen und Häuser wie in dringender Schonung, so intensiv strahlen sie tagsüber die Geschichte ihrer Entstehung und Umkämpfung aus. Dann leuchten die Moschee vor der Grabeskirche grün, der Felsendom golden, und die Kuppeln der Grabeskirche liegen im spärlichen Licht uneiniger Konfessionen. Die Einwohner sind vom anstrengenden Stück, einen normalen Tag zu spielen, erschöpft und verschwinden in ihren Häusern, die Zugänge zu Tempelberg und Kotel sind versperrt. Die nächtliche Altstadt sind Mauern und Pflastersteine, die in Tausenderjahren zu zählen sind, ein wenig glänzend im Licht einiger Laternen, die über den Gassen hängen, ungeschmückt. Sie ist eine Erzählung, die sich auffächert, je nachdem, wer sie hören will. 

(…)

Nachmittags kamen sehr unterschiedliche Menschen vorbei:
Männer mit schwarzen Hüten auf dem Weg in die Synagoge
Frauen mit vielen Kindern, die sie schnell mit sich weiterzogen
Marktfrauen, die frische Blätter verkauften
Junge Männer in schwarzen Anzügen mit Rucksäcken, einer Baseballkappe auf dem Kopf, manche von ihnen fuhren auf elektrischen Rollern
Männer mit Pelzmützen
Russische Frauen in ärmlichen Kleidern
Priester der russisch-orthodoxen Kirche
Benediktinermönche
Dominikanermönche
Franziskanermönche
Priester der griechisch-orthodoxen Kirche
Bewaffnete Soldaten
Bewaffnete israelische Siedler
Arabische Händler

(…)

Zerstückelungen
Auf dem Kidrontal, wo die Auferstehung der Toten allein Gottes Sache ist, lag das Morgenlicht. Über die alten Steine rückte ein Silberglanz, als legten sie seit 2 500 Jahren, die seit Gottes Auszug zum Tor des Tempels hinaus vergangen sind, zum Tage hin das Kleid für seine Rückkehr an. Zwischen Tempelberg und Ölberg erzählt das versteinerte Meer von der Katastrophe des Gottesverlusts und der messianischen Erwartung, die alttestamentarisch groß über der Stadt Jerusalem und dem Land liegt. Tritt man an die biblischen Gräber heran, der Propheten, Davids Sohn, scheinen sie mit allen späteren eins zu sein, als sei Gott in seiner Strenge und der Auswahl seines Volkes bindend über alle Zeit.
     Dem versteinerten Warten auf eschatologische Fülle steht am Hang höher hinauf die Kapelle Dominus Flevit entgegen. In der Güte der Erzählung weinte der Menschensohn Jesus dort über Jerusalem, dessen Untergang er prophezeite, und ein Stück weiter im Garten Gethsemane weinte Jesus in größter Verlassenheit um sich selbst. 

(…)

Der Höhenzug von Ölberg und dem nebengelegenen Skopusberg dient mit einer Höhe von 800 Metern als Wasserscheide. Nach Osten hin wird die Erde trocken. Die Siedlungen, die den Hang hinunter dort enden, wo die Gärtner die Herde vermuteten, sind arm, staubig und provisorisch. In Richtung Mauer war um diese Zeit keine Herde zu sehen. Es gab die Vorplätze kleiner Läden, auf denen über Nacht zusammengestellt war, was ins Innere nicht paßte, es gab Lieferautos, die bereits die enge Straße verstopften, Busse, die nicht mehr durchkamen, Mopeds, die doch durchkamen, Krankenwagen aus dem bescheidenen Flachbau der Klinik und Frauen, die den Berg hoch ihre Kinder zur Schule brachten, beladen mit Tüten von frischem Brot.
     Auf der größeren Kammstraße, die beide Berge verbindet, finden sich zwischen Müllecken und Schuttplätzen, wo an überfüllten Containern das alte Brot in Plastikbeuteln hängt für die, die gar keins haben, auch stabilere Häuser, mit Jerusalemstein gebaut. Ihre Balkone haben sie dem Westen zugewandt, so daß der Blick von dort über das Kidrontal auf den Tempelberg fällt, aus dieser Höhenperspektive wie zum Anfassen nahe.
     Diese Häuser sind mit israelischen Fahnen geschmückt, auf genommenem Grund gebaut oder Bewohnern in den ersten Jahren der Besatzung abgekauft. Man sagt, jener, der nach 1967 als erster sein Haus hier am Ölberg an einen Israeli verkaufte, fand den Tod durch Nachbars Hand. Die Straße zur berühmten Aussichtsplattform auf dem Gipfel, vorbei an der Paternosterkirche, trägt den Konflikt um den territorialen Besitz in ihrer Abgerissenheit in sich.
     Das Wunder der Landschaft halten an diesem umkämpften Ort die Benediktinerinnen in ihrer Klosteranlage zur Ansicht bereit. Hinter einem in die Mauer eingelassenen winzigen Türchen aus Eisen haben sie ihren Garten „Vacare deo“ genannt, und es muß nicht Gott, es kann ein anderer der Seele zufliegender Gedanke sein, der den Felsendom, die Kuppeln der Grabeskirche, die orthodoxen Kreuze auf Kathedralen, den Turm der Moschee in eine Vision von Ruhe hüllt, die nicht Wirklichkeit werden will. 

(…)

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Die kommende Ausgabe Lettre 155 erscheint Mitte Dezember 2026.