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Lettre 154, Titel Ann Wong Wan Yee
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LI 154, Herbst 2026

Schläge mit der Axt

Elfriede Jelineks spielerische Enthauptung der Autorschaft

(…)

Jelineks Umgang mit der Funktion „Autor“ abseits jener autorisierenden Instanz, deren Tod Roland Barthes konstatierte und als metaphysisch gestützte Fiktion aufwies. Seither muß jedwedes Schreiben, das diesen Befund ernst nimmt, die Sprache an die Stelle dessen setzen, der zuvor als ihr Eigentümer galt. Ich möchte in diesem Zusammenhang nicht von weiblicher Autorschaft sprechen, denn der Begriff Autorschaft bezeichnet kein personales Gerüst mehr, das dem Schreiben vorausginge. Er bezieht sich vielmehr auf eine materielle und existentielle Produktion, die als solche beansprucht, Welt zu werden oder mit der Welt zu werden, das heißt, sich in das textuelle Gewebe der Zeit einzuführen. Die Metaphern „weibliches Schreiben“ oder „weibliche Autorschaft“ überwölben dabei die Aspekte der Arbeit und der Produktion als einen in sich nicht abschließbaren Prozeß und Anspruch.
      Sie nehmen eine Vereinheitlichung vor, die nicht angebracht ist, eine Naturalisierung gar, sobald versucht wird, auf die Frage, was am Schreiben „weiblich“ sein soll, eine Antwort zu geben. „Die Autorin ist weg. Sie ist nicht der Weg“, heißt es bei Jelinek (Macht nichts. Eine kleine Trilogie des Todes). Und bei Monique Wittig ist zu lesen: „Weibliches Schreiben, das ist wie Haus und Herd.“

(…)

Sich als Autorin hineinschreiben in die Texte und zwischen die Figuren, die selbst Zwischenwesen sind, heißt letztlich, von einer Behauptung übergehen in die Tätigkeit der Enthauptung. Bei Jelinek stellt sich Autorschaft als eine doppelt ausgeführte Bewegung dar. Die Ausgangsposition der Künstlerin, die im binären Wertesystem als Untermenge und Minorität gilt, wird affirmiert. Sie wird drastisch ausgemalt, verhöhnt, der Lächerlichkeit überführt, und dennoch bleibt kein Zweifel, daß sie eine Realität darstellt, der die Frau unterliegt. In dieser Struktur die Enthauptung jedweder Autorschaft zu konstatieren und als Voraussetzung zu akzeptieren macht das Schreiben zu einem performativen Akt, der durch keine Bedeutung dahinter abgebremst wird. Er zieht die Schreibende in das Sprachspiel hinein. In Jelineks Stücken spricht die Figur der Autorin ständig dazwischen. Sie tut dies im Gestus der Beiläufigkeit, der Ratlosigkeit, der fragenden Intermission, oder sie maskiert sich als Lernende, als Schülerin. Sie macht sich klein. „Die Autorin gibt nicht viele Anweisungen, das hat sie inzwischen gelernt.“ (Ein Sportstück) Die Autorin durchläuft also die Definitionen des binären Wertesystems und seiner Maßgaben spielerisch im Modus der Enthauptung, die sie zunächst an sich selbst vornimmt. Indem sie sich als autorisierende Instanz verwirft, trifft sie aber auch das System als allgemeingültiges. Es fällt in seiner Systemeigenschaft auf einen nichtssagenden Allgemeinplatz zurück. Es zeichnet und unterzeichnet keine Hierarchie mehr. „Das nenne ich Energie! Und die anderen nennen es auch so.“ (Kein Licht)
      Die Tätigkeit der Enthauptung ist wie ein Durchgang, der sich in der Präsensform aufführt und zugleich zu etwas anderem führt. Er triggert die Aufführung, in der dann andere auf die Bühne gehen und sprechen. Er verschränkt die Zeiten des Schreibens (vorgängig) und der Bühne (nachträglich) und bewirkt zugleich, daß das Stück („längst geschrieben“) auch zu dem wird, was ist. „Es stürzt die Vergangenheit jeden Abend auf der Theaterbühne in das, was ist, hinein und schmeißt es mit sich selbst um. Eine Wucht!“(Kein Licht) Stücke von Jelinek unterminieren die lieben Gewohnheiten der Theatergesellschaft, die an der Menschendarstellung, an der Bedeutung und am Wort des Meisters hängt. Die Autorin selbst ist dieser Durchgang. Sie hat dabei aber so wenige Egos wie alle ihre Figuren, die auch kein Selbst haben dürfen. Das ist kein Trick, das ist Existenz und Spracharbeit. Es geht darum, den Durchgang immer wieder zu öffnen. Arbeit ganz eng am Wort und am Buchstaben animiert die Wörter, die dabei eigenaktiv und biegsam wie Gelenke werden und eine Öffnung in jenes Chaos bewirken, das Maurice Blanchot den „namenlosen Grund der Sprache“ nannte. Jelinek beschreibt ihre Arbeit wie folgt:
      „Es dauert seine Zeit, die davor meine Lebenszeit war. Ich weiß schon: meist zu lang! Aber bitte bedenken Sie: Das Sprechen ist vielleicht dieses Chaos, aus dem ich mit meiner Charon-Stange, mit der ich das Totenfloß voranstake (denn Sprechen ist für mich: dem Tod für eine Weile entkommen oder wenigstens ein paar dorthin mitnehmen), ein paar Fetzen Sprechen herausfische, hervorstoße, Fetzen, die immer Teil eines in größten Teilen unsichtbaren, ungeordneten Ganzen sind, das nie ein Ganzes wird, denn das Ganze würde Ordnung ja voraussetzen. Es ist nie alles, es ist nicht einmal etwas. Ich hätte auch ganz andre Fetzen, andre Sätze, andre Worte nehmen können. Ich hätte immer etwas anderes nehmen können, und da sind so viele, die mich schon inständig darum gebeten haben: Bitte wenigstens einmal etwas anderes, alles, nur nicht das! Nicht schon wieder! Aber es geht nicht. Ich habe nicht die Kontrolle, ich habe vielleicht die Herrschaft über ein endloses Sprechen, das im Vergleich zum Chaos aber gar nichts ist, nur ein kurzes Räuspern vielleicht, aber ich habe keine Kontrolle. Es geht mit mir durch, wie man so sagt. Oft weiß ich selbst nicht, was ich da gesagt habe. Ich weiß nur, ich hätte es nicht mit anderen Worten sagen können.“ (Es ist Sprechen und aus)

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Die kommende Ausgabe Lettre 155 erscheint Mitte Dezember 2026.