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Lettre 154, Titel Ann Wong Wan Yee
Preis: 15,00 € inkl. MwSt. 7%
Inhaltsverzeichnis

LI 154, Herbst 2026

Der Raum der Stille

Henry Ries und sein Blick auf Berlin

(…)

Ries war nicht ganz so schonungslos. Er beschrieb die besiegten Berliner, denen er auf der Straße begegnete, als ausgezehrt, mißtrauisch und hungrig. Doch die Gefühle des Photographen gegenüber dem einarmigen Bettler, der wiederholt in Ries’ Schriften auftaucht, waren komplex. Die beiden Männer standen sich unmittelbar gegenüber, der gut genährte, gut gekleidete Amerikaner, der den mittellosen Deutschen ansah, der nur auf seine Füße schaute.
     Ein Photo dieser Szene hätte nicht preisgegeben, was Ries in dem Moment in den Sinn kam, aber aus seinen Memoiren wissen wir, daß er viele Fragen hatte. Er musterte den Mann. Wie alt er wohl war, 35 oder 65. Unmöglich zu sagen. Dann tauchten schwierigere Fragen auf. Wie Ries später bemerkte, „schossen mir Fragen durch den Kopf, die mich seither beschäftigen“.
     Was für ein Mensch war er während des Krieges gewesen? „War der Alte ein Nazi, war er gar beteiligt am Judenmord?“ „Hatte er teilgenommen oder ‘nur’ zugeschaut, als Juden bedroht, mißhandelt, verschleppt und ermordet wurden?“ „Was hatte er gewußt oder hatte er es nicht wissen wollen? War ich berechtigt, diesen Unbekannten zu verurteilen? … Oder hatte er vielleicht sogar menschlich gehandelt?“

(…)

1933 wird Heinz (aka Henry) vor die Schulklasse zitiert.
     Hitler hatte die Macht an sich gerissen, und der neue Lehrer sollte den Schülern des Schiller-Realgymnasiums die nationalsozialistische Rassentheorie beibringen.7 Der fünfzehnjährige Ries musterte eingehend den Mann, der ein Hakenkreuz auf seinem linken Revers trug. Er fand, er sah jüdisch aus, mit seinen dunklen Augen und seinem schwarzen Haar vielleicht sogar wie die Karikatur eines Juden. Wie Ries später schrieb, ließ der Lehrer seinen Schüler vor die Klasse treten, „um die von den Nazis propagierte Theorie am lebenden Objekt zu erklären“.
     Die beiden Männer, ein Erwachsener und ein Jugendlicher, standen jetzt vor der Klasse. Der Lehrer zeigte auf seinen Unterrichtsgegenstand: „Verglichen mit euch, scheint mir der Ries das beste Exemplar eines arischen jungen Mannes zu sein.“
     Dann, erzählte Ries weiter, deutete der Lehrer „auf meine gerade Nase, die Form meiner Ohrläppchen, meinen musikalischen Hinterkopf und ähnliche ‘typisch arische’ Merkmale.“ Immerhin hatte Heinz blonde Haare, blaue Augen und „einen Namen, der nichts verriet“.
     Die Ausführungen des Lehrers lösten in der Klasse ein unterdrücktes Kichern aus. Ries kehrte zurück auf seinen Platz und fragte dann den Lehrer, ob er noch eine Information zu der Sache beisteuern dürfe. Ries war nicht schüchtern.
     Der Lehrer erlaubte es ihm.
     „Ich bin Volljude“, sagte Ries.
     Die Klasse brach in schallendes Gelächter aus.

(…)

Ries’ tägliche Routine war ernüchternd. „Ich blätterte mit ungläubigem Staunen in den Unterlagen, las sie mit Horror und übersetzte und bewertete sie mit Horror … Was ich in diesen detaillierten Berichten über die gewissenlosen Versuche an Menschen las und erfuhr, bleibt bis heute zutiefst erschütternd.“
     Der Inhalt war traumatisierend für den jungen Ries, der selbst aus Deutschland vertrieben worden war und nun nach Berlin zurückkehrte, als wären in seiner Abwesenheit „tausend Jahre vergangen“. Seine Frau sagte mir, in seinem ganzen Leben sei es ihm nicht gelungen, das Gelesene wirklich zu verarbeiten, besonders deswegen, weil er nach Abschluß der Arbeit wußte, daß seine Großmutter und seine beiden Tanten den Krieg nicht überlebt hatten, ermordet in Theresienstadt und Auschwitz. In einem Brief aus der Zeit heißt es: „der liebe Himmler verfolgt mich bis in meine Träume“.
     Das Archiv beschränkte sich auf die in Konzentrationslagern durchgeführten medizinischen Versuche, dazu gehörten Zwangssterilisierungen, Ausdauertests bei Unterkühlung, hohem und tiefem Luftdruck und Drogenexperimente. Andere Dokumente berichteten über Plünderungen von Besitz, über Transporte in die Lager und die Vernichtung. Ries wurde auch mit der Übersetzung von Hitlers letztem Willen und Testament beauftragt, in dem der Führer die Juden „Weltvergifter“ nannte. Ries bemerkte dazu später: „Wenn das der Führer wüßte, daß einer seiner ‘Weltvergifter’ seinen giftigen Wahnsinn für das Office Director of Intelligence übersetzt hat, er würde aus seiner Asche auferstehen.“ 

(…)

Ries schlenderte in einen U-Bahnhof, nahm einen Zug Richtung Westen und stieg am Zoologischen Garten, neben dem Tiergarten, in der britischen Zone, wieder aus. Der riesige öffentliche Park war kahl gerodet, um Brennholz zu gewinnen. Er machte einen Schnappschuß von einem Mann, der den Boden beackerte, um Lebensmittel anzubauen. Von hier war es nur ein Katzensprung zur Budapester Straße, wo zur Zeit von Henrys Kindheit seine ermordete Großmutter gewohnt hatte, eine Straße gegenüber dem Südportal des Berliner Zoos. Jahre zuvor hatte er von dem Fenster ihrer Wohnung aus den Elefanten in seinem Gehege hinterm Zaun beobachtet und „Omutti“ gefragt, warum der Elefant zwei Rüssel hätte, den zweiten unterm Bauch geklemmt. Nur wenige Tiere hatten überlebt, die meisten fand man tot in ihren Käfigen, in einer schwarzen Blutlache – im Gorillagehege außerdem zwei ermordete SS-Offiziere. Die ehemalige Wohnung seiner Großeltern lag unter Schutt und Asche begraben.
     Von hier aus setzte er seinen deprimierenden Bummel Richtung Westen fort, vorbei an der ausgebrannten Hülle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu den Überresten des einstigen Berliner Prachtboulevards Kurfürstendamm. Sein Elternhaus in der Nähe, „wo ich vor sieben Jahren von Steffi, Fräuchen [sein Kindermädchen] und meinem Vater Abschied genommen hatte, war ebenfalls nur noch Ruine“. Auf seinem Gang durch die ehemalige grüne angenehme Wohngegend seiner Kindheit kam Ries schließlich zur Sächsischen Straße, Ecke Pariser Straße, unweit Olivaer Platz, wo in den Jahren nach Henrys Emigration seine Schwester zusammen mit seiner Großmutter und Tante Hedi gewohnt hatte. Hier wurden 1942 die Frauen aus ihrem Haus geholt und in die Lager transportiert. Wieder stieß er nur auf Trümmer.
     Der junge Photograph, in Uniform, erklomm den Trümmerberg auf dem Grundstück und stöberte in dem Schutt. Dann stutzte er. Staunend hielt er etwas in den Händen, das er vor dem Krieg selbst angefertigt hatte.

Seine Witwe, Wanda Ries, erzählte mir: „Henry war zurückhaltend, was Symbole betraf, aber hierüber freute er sich besonders.“ Henry schrieb dazu: „Wie durch ein Wunder fand ich ein von mir aufgenommenes Photo meiner zwölfjährigen Schwester Steffi.“ Es hatte die Tragödie überlebt. Es hatte keinen Schaden genommen, so wie auch seine Schwester. 

(…)

Es würde schwierig für einen Mann wie Ries, sich mit den Deutschen zu versöhnen. Welche Ironie, daß er der Photograph der Berliner Luftbrücke wurde, von den Berlinern als Berliner anerkannt, und daß er dabei behilflich war, die Versöhnung zu ermöglichen – in derselben Stadt, die seine Familie vertrieben und vernichtet hat. 

(…)

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Die kommende Ausgabe Lettre 155 erscheint Mitte Dezember 2026.