LI 154, Herbst 2026
Das Ruder an Land
Ein Kontinent auf der Suche nach seiner HeimatElementardaten
Textauszug
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Nach 1945 bezog Europa einen beträchtlichen Teil seiner Würde aus dem Wiederaufbau. Ruinen wurden beseitigt, Wohnungen bezogen, Straßenbahnen fuhren wieder. Kinder gingen durch Straßen, in denen wenige Jahre zuvor Menschen zusammengetrieben worden waren. Geschäfte öffneten, Rechnungen wurden geschrieben, Hochzeiten gefeiert. Es mußte weitergelebt werden. Der Alltag nach einer Katastrophe ist keine moralische Schwäche. Manchmal ist er die einzige Form, in der die Überlebenden gegen die Katastrophe gewinnen können.
Aber dieses neue Leben begann nicht auf leerem Boden.
In Breslau, Lemberg, Königsberg, Wilna, Thessaloniki oder Konin konnten Mauern stehen bleiben, während die Menschen, Sprachen und Erinnerungen, die ihnen Bedeutung gegeben hatten, verschwanden oder vertrieben wurden. Derselbe Hauseingang führte nun in ein anderes gesellschaftliches Universum. Die neuen Bewohner waren keine Schatten. Ihre Kinder wurden dort geboren, ihre Möbel standen in den Zimmern, ihre eigenen Verluste füllten die Schränke. Manche waren selbst aus Häusern gekommen, zu denen sie nie zurückkehren konnten. Sie lebten nicht provisorisch, auch wenn das Haus für einen anderen Menschen für immer der Ort eines früheren Lebens blieb.
Zwei Wahrheiten konnten an derselben Tür stehen. Die Erinnerung des Zurückkehrenden war aufrichtig. Das Leben dessen, der inzwischen dort wohnte, war nicht weniger wirklich. Die Geschichte hatte einen Raum geschaffen, in dem Wahrheit nicht automatisch zu einem eindeutigen Recht führte.
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Von Wurzeln spricht Europa lieber. Sie versprechen Ursprung, Tiefe und organisches Wachstum. Die Narbe ist weniger gefällig. Sie bezeugt, daß etwas unterbrochen wurde und anders zusammenwuchs. Vielleicht beschreibt sie europäische Kontinuität genauer als die Wurzel, vielleicht auch nicht vollständig. Nicht jede Verletzung hinterläßt eine sichtbare Spur. Und auch Narben können zu Abzeichen werden, die vor allem die gelungene Heilung feiern.
Manche europäischen Wunden wurden öffentlich gezeigt und zum Fundament einer neuen politischen Ordnung erklärt. Andere blieben unter der Kleidung, weil sie nicht in die Geschichte paßten, die eine Gesellschaft von ihrer Genesung erzählen wollte. Die eine Erinnerung erhielt Denkmäler, Lehrpläne und Jahrestage. Eine andere wurde lange als störend, provinziell oder politisch unzeitgemäß behandelt.
Die Narbe macht die Vergangenheit nicht rückgängig. Sie hält sie im Körper fest, allerdings nicht immer in einer Form, die von außen sofort verstanden wird.
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Mehrere Nachkriegszeiten
Hinzu kommt, daß es keine gemeinsame europäische Vergangenheit gibt, zu der alle zurückkehren könnten. In Paris stand das Ende der deutschen Besatzung für Befreiung und für die Wiederherstellung einer staatlichen Ordnung, die sich bald eine heroischere Geschichte ihrer Einheit erzählte, als die Jahre der Kollaboration rechtfertigten. In Warschau verband sich das Ende der deutschen Herrschaft mit dem Beginn einer neuen politischen Abhängigkeit. Für die baltischen Gesellschaften stellte das Jahr 1945 die verlorene staatliche Freiheit nicht wieder her. In Griechenland ging die Besatzung in einen Bürgerkrieg über. Für die überlebenden Juden Europas konnte die militärische Befreiung keinen gesellschaftlichen Raum wiederherstellen, dessen Menschen ermordet worden waren.
Dieselben Jahreszahlen bezeichnen verschiedene Übergänge.
Westlich des Eisernen Vorhangs konnte sich Europa nach dem Krieg als Überwindung des Nationalismus verstehen. Östlich davon blieb die Nation für viele das Gefäß einer bedrohten Sprache, einer verbotenen politischen Kontinuität und der Hoffnung auf Souveränität. Die westliche Rede von der heilsamen Begrenzung des Nationalstaates konnte im Osten wie eine weitere Aufforderung klingen, eine eben erst zurückgewonnene Stimme leiser zu stellen.
Ganz sauber ist auch diese Gegenüberstellung nicht. Westeuropa war nie nur postnational, Mittel- und Osteuropa nie nur national. Frankreich, Großbritannien, Belgien, die Niederlande oder Portugal trugen ihre imperialen Geschichten nach 1945 weiter, während sie sich zugleich als Laboratorien eines friedlichen Kontinents verstanden. Unter dem offiziellen Internationalismus der sozialistischen Staaten entwickelten sich sehr verschiedene Formen nationaler Erinnerung, manche befreiend, andere ausschließend. Spanien und Portugal gingen anders aus der Diktatur hervor als Deutschland oder Italien. Jugoslawien verband den Partisanenmythos mit einer föderalen Ordnung, deren Zerfall neue Kriege hervorbrachte.
Europa bestand aus mehreren Nachkriegszeiten. Sie überlagerten sich, waren aber nie identisch.
Darum gibt es auch keinen historischen Augenblick, zu dem alle zurückkehren wollen. Für die einen liegt Ithaka vor 1914, für andere im Jahr 1945, 1956, 1968 oder 1989. Jeder dieser Rückkehrpunkte ist bereits die Niederlage oder Gefangenschaft eines anderen. Selbst 1989, das in einem Teil des Kontinents als Rückkehr nach Europa im Gedächtnis geblieben ist, bedeutet für manche den Beginn sozialer Entwurzelung, wirtschaftlicher Unsicherheit oder den Verlust einer Ordnung, die sie nicht ausschließlich als Zwang erlebt hatten.
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Die Kritik am europäischen Universalismus wird bequem, wenn sie aus jedem universalen Anspruch nur eine Maske der Macht macht. Die Aufklärung lebte mit dem Kolonialismus zusammen. Daraus folgt nicht, Vernunft sei nichts als Kolonialherrschaft. Menschenrechte wurden selektiv angewandt. Deshalb sind sie noch keine wertlose Lüge. Wer jeden Anspruch aufgibt, muß den eigenen Widerspruch nicht mehr aushalten. Entlarvung ersetzt dann die Verpflichtung, besser zu handeln.
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