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Lettre 154, Titel Ann Wong Wan Yee
Preis: 15,00 € inkl. MwSt. 7%
Inhaltsverzeichnis

LI 154, Herbst 2026

Das unbewohnbare Land

Bericht eines israelischen Elitesoldaten

(…)

Drei kräftige Schritte zum Schreibtisch. Er setzt sich. Schwarzes Hemd, dunkle Hose, im Gesicht ein Dreitagebart. Das Haar blond und gelockt, mit Gel nach hinten gelegt, die Augen blau, funkelnd, wie man es bei Menschen findet, in deren Innerem etwas verborgen liegt.
     Auf dem Tisch eine Tasse Kaffee. Daneben eine schwarze Dose. Er öffnet sie, nimmt eine rote Kapsel heraus, dreht sie zwischen den Fingern auf und läßt das weiße Pulver in den Mund rieseln. Langsam. Ohne Eile, ohne Scham. So, wie ein Mensch eine Bewegung vollzieht, die er tausendmal vollzogen hat, bis sie zu ihm gehört wie der Atem.
     Ich frage nicht, was es ist. Ich werde es später erfahren.
     Er hebt den Blick. „Wo soll ich anfangen?“
     Anfangen. Wo beginnt man, wenn man begreifen will, wie jemand über Israel denkt und fühlt, der in diesem Land geboren wurde, einst glühender Zionist war, als Elitesoldat in einer der härtesten Einheiten der Welt diente – und heute nie wieder in seine Heimat zurückmöchte?

(…)

Das letzte Drittel der Ausbildung begann, und wir wurden Meister im Verschwinden. Oben auf den Golanhöhen, wo das Gelände dem Südlibanon gleicht – derselbe Stein, derselbe Staub, nur daß niemand auf dich schießt –, lernten wir, uns so vollkommen an die Landschaft anzugleichen, daß man einen Meter vor einem Busch nicht hätte sagen können, ob darin einer von uns lag oder nicht.
     Vierundzwanzigstündige Orientierungsmärsche, allein, vierzig Kilo auf dem Rücken, nichts als ein Kompaß und die auswendig gelernten Karten im Kopf. Und Krav Maga, nun mit Schutzausrüstung, denn kurz vor dem Ende der Ausbildung sollten die Verletzungen sich auf gebrochene Rippen und Finger beschränken.
     Was sich grundlegend änderte, war der Häuserkampf. Bisher aufgeführt in eigens dafür errichteten Gebäuden. Die Aufgaben verteilt wie in einem Rollenspiel: einmal Soldat, einmal Terrorist. Die Abläufe wurden bis zum Überdruß wiederholt. In welcher Formation man einen Raum betritt. Wie man sich durch ein Haus bewegt. Wie man einen Verwundeten birgt. Alles überlebenswichtig – und doch nur Trockenübung in künstlicher Umgebung.
     Nun war es Zeit für einen Hauch von Wirklichkeit. Und dafür diente das Westjordanland. Genauer, die Dörfer der Palästinenser.
     Oft ging es darum, sich ungesehen durch ein Dorf zu bewegen. Es begann stets mit demselben Ritual. Ein großes Feuer wurde entzündet, und alle stellten sich in voller Montur in den Rauch. In den Dörfern verbrennt man einen Großteil des Mülls, überall riecht es nach Rauch. Roch man selbst danach, schlugen die Hunde nicht an. Man hätte sich auch mit dem Blut einer läufigen Hündin einreiben können. Wir waren froh, daß unser Ausbilder darauf verzichtete.
     Brenzlig wurde es, als ich einmal eine Sprengstoffattrappe an einem Balkon im ersten Stock anbringen sollte. Das Ziel hatte mein Kommandeur willkürlich bestimmt. Ich war fertig und wollte an der Fassade hinab, als ich drinnen ein Geräusch hörte. Gerade noch rechtzeitig versteckte ich mich hinter einem Vorhang. Der Mann, der zum Rauchen heraustrat, bemerkte mich nicht.
     Da stand er, eine Armlänge entfernt, und zog an seiner Zigarette. Ein Mann in seinem eigenen Haus, der nicht wußte, daß hinter dem Vorhang seines Balkons der Feind stand.
     Hätte er mich entdeckt, hätte es ein großes Geschrei gegeben. Aber am Ende war ich mit einem Sturmgewehr bewaffnet, und der Araber nicht. Und so groß ist die Überraschung für sie ohnehin nicht. Sie haben sich an dergleichen gewöhnt.
     Die armen Araber. Sie hassen Israel, und an ihrer Stelle würde ich es auch tun.

(…)

Nach zwei Wochen Kurs befehligte ich die neuen Rekruten. Sie kamen mir vor wie Kinder, und sie waren Kinder. 18, manche sahen aus wie 16. Und auf einmal hatte ich so viel Macht. Nun galt mein Befehl.
     Diese Rekruten waren in meinen Augen nichts wert. Besonders die zwei Mizrachim, das sind arabische Juden. Mein erster Gedanke war: „Die bekomme ich hier raus. In einer Eliteeinheit haben die nichts verloren.“ Wenn alle schliefen, ließ ich die beiden durch den Matsch kriechen. Verteilte ich Schläge, bekamen sie Tritte, bis sie sich übergaben. Bei jedem Marsch verdonnerte ich sie zu zusätzlichen Kilometern. Nicht weil sie etwas falsch gemacht hätten. Sondern weil ich es konnte und weil sie waren, was sie waren. Beide verließen die Einheit.
     Heute schäme ich mich dafür. Es war falsch. Sie waren tüchtige Kerle. Damals konnte ich es nicht sehen.
     Meine Leistung ließ nach. Die Tätigkeit als Ausbilder begann mich zu langweilen. Ich wollte mich beweisen, einen Kampfeinsatz, endlich ein Held sein. Mein Körper war wieder, wo er vor dem Zwischenfall im Zelt gewesen war: angespannt, geladen, ohne Ziel. Am Ende schlug man mich nicht zur Offiziersausbildung vor, sondern schickte mich zurück in die Einheit. Das enttäuschte mich tief. Ob ich ein guter Offizier geworden wäre, wußte ich nicht einmal selbst, aber es wäre ein Zeichen der Wertschätzung gewesen.
     Der Stützpunkt lag nahe Haifa. Der Kommandeur der operativen Einheit, jetzt Omar. Das Wiedersehen war herzlich, als wäre keine Zeit vergangen. Die Freundschaft lebte vom ersten Moment wieder auf, in alter Stärke. Ich war glücklich und fühlte mich am richtigen Ort.
     Wir waren alle blutdurstig. Profis, wie John Wick. Auch Omar hatte bis dahin keinen Kampfeinsatz gehabt. Dann kam der erlösende Befehl. Nachts ins Westjordanland. In der Nähe eines Dorfes wurden wir abgesetzt, kein Licht, kein Weg, nur die Koordinaten eines Hauses. Am Ziel ging alles schnell. Mit der hydraulischen Zange öffneten wir die Tür, in Formation wurden die Räume gesichert und die männliche Zielperson überwältigt. Mit einem Unterschied, den keine Übung kannte: dem Schreien der Kinder. Dem Weinen der Mutter. Dem Wimmern der Großeltern, die nicht wußten, ob sie ihren Sohn je wiedersehen würden.

(…)

 

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Die kommende Ausgabe Lettre 155 erscheint Mitte Dezember 2026.