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Lettre 154, Titel Ann Wong Wan Yee
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LI 154, Herbst 2026

Puschkin

Sänger der Freiheit und Apologet der Unterdrückung

„Puschkin ist unser Alles.“ Diese im Jahre 1859 von Apollon Grigorjew geprägte Formel ist großartig, hat aber nie gestimmt. Zunächst einmal zur Zeit Grigorjews selbst nicht, die auch die Zeit der russischen Radikalen war, aber auch zu Sowjetzeiten nicht, als der Puschkin-Kult quasi verpflichtend wurde, so wie der Kult um ­Majakowski, der Puschkin in seiner Jugend noch mit allen anderen „Klassikern“ über Bord werfen wollte. Diese beiden nebeneinander bestehenden Kanonisierungen hat Stalin selbst gewollt, vielleicht weil ihm die Kanonisierung von Marx, Engels und Lenin nicht ausreichend zu sein schien. Die Feierlichkeiten zu Puschkins Kanonisierung haben 1937 im Dorf Michailowskoje stattgefunden, in jenem Jahr, das sonst für Stalins Verfassung – „die demokratischste der Welt“ – und die großen Moskauer Schauprozesse bekannt ist. Puschkin hatte in diesem Dorf zwischen 1824 und 1826 Jahre der Verbannung verbracht, weshalb es als ein Symbol für der Tyrannei des alten Regimes galt. Der kleine Landsitz seines Vaters wurde restauriert, die Sakralisierung des Ortes begann und erreichte ihren Höhepunkt in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, während dessen die gesamte Region von deutschen Truppen besetzt worden war. Der Ort hieß damals ­„Puschkin-Stätten“ und wurde nach dem Krieg zu einem Wallfahrtsort für Millionen von Besuchern, die auf Staatskosten dorthin gebracht wurden. Merkwürdigerweise hatten die Entwicklungen in Stalins Rußland und in der russischen Emigration hier eine gemeinsame Schnittfläche. Denn auch unter den Emigranten wurde der hundertste Todestag von „unserem Alles“ gefeiert; mein Vorgänger auf dem Genfer Lehrstuhl hatte einen Jubiläumsabend organisiert, in bescheidenem Rahmen, aber ebenfalls auf der Grundlage einer Art Kanonisierung. Auf alle Fälle ist niemand derart „sowjetisiert“ worden wie Puschkin, auch ich selbst habe mich dem während meines Studiums in Moskau nicht entziehen können. 

(...)

Gekrönter Schurke
Nehmen wir das berühmteste all dieser Rätsel. Was haben Zar Nikolaus I. und der Dichter ­Alexander Puschkin am 8. September 1826 in Moskau besprochen, nachdem der vom Zaren einbestellte Dichter eingetroffen war, noch staubbedeckt und den Geruch der Pferde verströmend, die er in strengem Galopp aus dem 700 Werst entfernten Michailowskoje gen Moskau getrieben hatte, wofür man üblicherweise drei Tage brauchte? Weder der Zar noch der Dichter haben die geringste handschriftliche Spur hinterlassen, es war der Historiker Natan E(i)delman, der ihr Gespräch – mittels geschickter Vergleiche – imaginierte,31 das also am 8. September 1826 im unmittelbar neben dem Tschudow-Kloster gelegenen Tschudow-Palast des Kreml stattgefunden hat (beide wurden ein Jahrhundert später von den Bolschewisten zerstört). In Die Hauptmannstochter wird der junge Grinew in genau gleicher Weise vor den falschen Zaren geführt, das heißt vor Pugatschow, den Anführer des Kosakenaufstands, der den Titel „Peter III.“ angenommen hatte (jenes Zaren, den die spätere Katharina II. ermorden ließ). Der junge Dichter gestand dem Zaren, daß er sich, wenn er sich am 14. Dezember 1825 nicht in der Verbannung in Michailowskoje (bei Pskow), sondern in Sankt Petersburg befunden hätte, zweifellos am Aufstand beteiligt hätte, wenn auch aus reiner Freundschaftspflicht.
     Zu seinem Hofstaat sagt der junge Zar, daß er soeben dem „intelligentesten Mann Rußlands“ begegnet sei, dem Dichter aber gibt er im vertraulichen Zwiegespräch eine Antwort, die dessen kühner Aufrichtigkeit entspricht: „Du kannst von nun an frei schreiben, ich allein werde dein Zensor sein.“ Großartig! Doch hatte derselbe Zar kurz zuvor kühl das Todesurteil für Rylejew, einen Freund des Dichters, unterzeichnet. Was nun? Erlischt die Freundschaft angesichts einer besonderen Beziehung zur Macht? Oder war es, wie man heute sagen würde, ein „deal“, in dem sich die Macht und die Dichtung in Rußland zum ersten Mal auf Augenhöhe begegneten? Ein „deal“, bei dem der Dichter in unseren Augen eher der Verlierer und ein wenig entehrt zu sein scheint.
     Hüten wir uns zu urteilen, Puschkin sei dabei der Verlierer gewesen. Mickiewicz, sein Freund und nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands 1831 dann sein erbitterter Feind, schreibt in seinem Nachruf auf den russischen Dichter: „Es war das erste Mal, daß ein russischer Zar mit einem seiner Untertanen über Literatur sprach. Er ermutigte den Dichter, sein Werk fortzuführen, und erlaubte ihm sogar, alles, was er wolle, zu veröffentlichen, ohne die Zensur um Erlaubnis bitten zu müssen.“ 32 War das an sich sowohl ein Zugeständnis des Zaren als auch des Dichters? 

(…)

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Die kommende Ausgabe Lettre 155 erscheint Mitte Dezember 2026.