LI 129, Sommer 2020
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Pathogen und Politik

Wissenschaft und Aufklärung – Die Hamburger Choleraepidemie 1892

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Am Morgen des 24. August 1892 kam Robert Koch, der von seinem Berliner Laboratorium angereist war, am Bahnhof in Hamburg an. Er war der berühmteste Mediziner Deutschlands und hatte bereits den Lebenszyklus des Milzbranderregers erforscht und den Bazillus identifiziert, der Tuberkulose verursacht. In den achtziger Jahren war er nach Ägypten und Indien gereist, wo es ihm gelang, das Cholerabakterium zu isolieren, und bei seiner Rückkehr nach Berlin war er gefeiert worden, vom Kaiser mit dem Kronenorden ausgezeichnet und mit der Aufgabe betraut, das Kaiserreich gegen Epidemien infektiöser Krankheiten zu schützen.
Neun Tage vor Kochs Ankunft in Hamburg war ein Arzt im benachbarten Altona zu einem erkrankten Bauarbeiter gerufen worden, zu dessen Tätigkeiten es gehörte, die Kloaken zu inspizieren. Der Mann litt an akutem Erbrechen und Durchfall; die Diagnose lautete: Cholera. Als erstes Zeichen der sich nun entwickelnden lokalen Kontroverse (die tödliche Folgen haben sollte) lehnte es der Vorgesetzte des Arztes ab, diese Diagnose zu akzeptieren. Vom 16. bis 23. August wuchs die täglich gemeldete Zahl neuer Fälle exponentiell: zwei, vier, zwölf, 31, 66, 113, 249, 338. Am 27. August waren 1 024 Fälle und 414 Tode gemeldet worden; im Verlauf der nächsten sechs Wochen starben etwa zehntausend Einwohner Hamburgs. Die Epidemie, die wie ein Waldbrand durch dürres Holz raste, erlosch schließlich im Oktober, ein Ende, zu dem Koch und sein Team beigetragen hatten.
    Wie wir heute wissen, wären diese Todesfälle ganz und gar vermeidbar gewesen. Die unmittelbare Todesursache war Vibrio cholerae, aber die städtischen Behörden waren Komplizen der Massensterblichkeit, da sie sich lange geweigert hatten, öffentliche Gelder in die Gesundheitsversorgung zu investieren, und nun befürchteten, ein öffentliches Eingeständnis der Cholera – mit der zwangsläufig folgenden Quarantäne und Isolation – würde ihre Handelsstadt zum Stillstand bringen. In Altona, gleich hinter der Stadtgrenze, gab es nur wenige Infektionen; in Hamburgs Schwesterhafen Bremen, einer ebenfalls sich selbst verwaltenden einstigen Hansestadt, gab es nur sechs Fälle, die Hälfte davon soeben aus Hamburg Zugereiste. Hamburg litt allein in diesem Jahr.
    In ihrer Intensität und Folgerichtigkeit haben diese Ereignisse die narrative Struktur und die moralischen Spannungen einer Theatertragödie. Neben dem Vibrio cholerae selbst, das die Form eines Kommas hat (wie seine typographische Entsprechung kann es katastrophale Folgen haben, wenn es an der falschen Stelle auftritt), sind die dramatis personae Koch, der Chemiker und Hygieniker Max von Pettenkofer, der Arzt und Anthropologe Rudolf Virchow und ein Chor der Betroffenen selbst und einige ihrer revolutionären Wortführer. Es gibt fünf Nebenhandlungen. Die Wissenschaft kämpft gegen Aberglauben und achselzuckenden Fatalismus; die neue Keimtheorie der Seuche steht im Disput mit sogenannten Umwelttheorien, welche die Krankheit auf lokale Bedingungen zurückführen wollen; eine quasi militarisierte Zentralbürokratie kämpft mit dem Laisser-faire des liberalen Kapitalismus; das anthropozentrische „epidemische Narrativ“, das eine Rückkehr zum sicheren gewohnten Leben verspricht, kämpft mit der evolutionären Logik, die mit anderen Zeitmaßstäben arbeitet, vom mikrobiellen bis zum makroökologischen; und schließlich hinterfragt eine offene, demokratische Gesellschaft ihre Grenzen.
    Wie wir sehen werden, ist manches Alte wieder neu.

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Die Cholera erreichte Europa zuerst 1830 und löste Massensterblichkeit, Panik und Unruhen aus. Das Vibrio ruft besonders häßliche Symptome bei seinem menschlichen Wirt hervor: Ist es einmal im Darm angelangt, seiner idealen Mikroökologie, vermehrt es sich exponentiell und vernichtet die dort heimische Mikrobiota innerhalb weniger Stunden. Der befallene Körper verliert die Kontrolle über seine Funktionen und ist unkontrollierbaren Anfällen von Erbrechen, Durchfall und Muskelzuckungen unterworfen; er wird bläulich und aufgedunsen. Katastrophale Dehydrierung führt dann in etwa der Hälfte der Fälle zum Tode.
Für die aufsteigende Bourgeoisie Europas war die Form der Choleraattacke nicht weniger furchterregend als die Aussicht auf den Tod durch die Seuche: Ein Mensch konnte bei einem Abendessen oder in der Straßenbahn zusammenbrechen und Ekel und Schrecken bei den Anwesenden auslösen. Ebenso beunruhigend für die Autoritäten waren „Choleraunruhen“, bei denen die Bauern und die Bewohner der sich neuerdings ausdehnenden, kraß unhygienischen Industriestädte Hausbesitzer, städtische Beamte und in einigen Fällen Ärzte angriffen und sie bezichtigten, sie würden die Seuche als Vorwand benutzen, um die ärmere Bevölkerung aus ihren Häusern zu vertreiben und sich ihres Eigentums zu bemächtigen. Manchmal behaupteten die Armen sogar, die Reichen hätten die Seuche eigens zu diesem Zweck herbeigeführt.
    Die folgenden Cholerapandemien fielen mit den europaweiten revolutionären Erhebungen des Jahres 1848 zusammen (in der Folge kam es ein Jahrzehnt lang zu lokalen Ausbrüchen, darunter jener, der Snows Untersuchung zur Folge hatte) und mit den Kriegen der sechziger Jahre. 1891 ereilte Rußland eine große Hungersnot, die eine Wanderungswelle von Hunderttausenden von Menschen auslöste, welche ökonomisch ein, zwei Stufen über der verhungernden Bauernschaft standen. Im folgenden Jahr vertrieb der Zar die Juden aus Moskau, und das Vibrio reiste mit ihnen wie mit den Hungerflüchtlingen Richtung Westen. Diese „erschöpften, armen, dichtgedrängten“ Massen (um die Inschrift auf der Freiheitsstatue in New York zu zitieren) träumten von Amerika, und die am stärksten benutzte Reiseroute in die Neue Welt war die sogenannte Hamburg-Amerika-Linie (der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft oder HAPAG). Die deutschen Gesundheitsbehörden registrierten die Fälle unter den Migranten; viele wurden an der Grenze angehalten, aber einige kamen unentdeckt durch. Die Warnlampen einer drohenden Epidemie blinkten rot.
    Die Cholera tritt in dieser Tragödie auf wie ein Schurke aus dem Melodrama: verstohlen, plötzlich losspringend, tödlich. Zur Zeit des Choleraausbruchs in Hamburg herrschte immer noch eine erregte Debatte über die Ätiologie der Seuche. War sie eine eingeschleppte Kontamination? Trat sie auf, wo eine spezielle Konfiguration lokaler Umstände herrschte?

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Die ersten Regularien für die Kontrolle der Pest wurden in italienischen Stadtstaaten in den Jahren nach dem apokalyptischen Schock von 1348 festgelegt. Ziemlich genau wie die Cholera ein halbes Jahrtausend später trat die Pest explosiv auf und tötete die Menschen auf schreckliche und rasche Weise. Die Sterblichkeitsrate war außerordentlich hoch: Alles in allem erlag vielleicht ein Drittel der Bevölkerung Asiens und Europas der Seuche, und in den meisten europäischen Städten starb die Hälfte der Einwohner, manchmal in wenigen Wochen.
    Die Katastrophe wurde allgemein dem göttlichen Zorn zugeschrieben, negativen astrologischen Konstellationen, dem bösen Einfluß von Hexen und Zauberern. Italienische Fürsten, Stadtoberhäupter und Kaufleute neigten eher zu empirischem Vorgehen. Die ersten rudimentären Gesundheitsbehörden wurden in Venedig und Florenz in demselben Jahr gebildet, da die Seuche auftrat; sie entwickelten sich im folgenden Jahrhundert zu permanenten Beamtenstellen, welche die Autorität hatten, Reise und Handel einzuschränken und infizierte Individuen zu isolieren. Isolationshospitäler, genannt lazzaretti, wurden eingerichtet, um Ansteckungen zu verhindern. Italienische Städte stellten auch Gesundheitszertifikate an wichtige Händler und Diplomaten aus, so daß diese Kontrollstationen ungehindert passieren konnten. Die ersten Pässe waren Gesundheitsatteste.
    Da man beobachtete, daß die Pest meist zuerst auf Schiffen aus dem Osten auftrat und sich verbreitete, wenn diese Schiffe im Hafen anlegten, begann man die Erfahrungen zu vergleichen und allgemeine Ratschläge zu formulieren. Quarantänemaßnahmen wurden zuerst 1377 in dem venezianischen Hafen Ragusa (dem heutigen Dubrovnik) erprobt – die Bezeichnung bezieht sich auf die vierzig (quaranta) Tage, die verdächtige Schiffe vor der Küste ankernd verbringen mußten, bis festgestellt werden konnte, ob Besatzung und Passagiere erkrankten oder nicht. In einigen Jahrzehnten hatte man so Grundlagen der Pestkontrolle durch trial and error festgelegt: Neben der Quarantäne gab es (wie wir heute sagen würden) eine Meldepflicht, die Isolation der Erkrankten, die Einrichtung von Cordons sanitaires und Reisebeschränkungen sowie Desinfektion (meist durch Verbrennen des Besitztums der Infizierten).
    Der hauptsächlich fehlende Faktor ist hierbei die Kontrolle des Übertragungsmediums: Die Rolle der Ratten (genauer gesagt: der Rattenflöhe) als Substrat der Infektion war unbekannt, und eine systematische Unterdrückung des Rattenbefalls wurde nie in Erwägung gezogen und hätte wahrscheinlich, sofern man sie erwogen hätte, als impraktikabel gegolten. Statt dessen nahm man an, daß sich die Pest durch Kontakte von Mensch zu Mensch ausbreitete.
Die Werkzeuge zur Eindämmung der Pest waren Teil der frühesten Verwaltungsapparatur des modernen europäischen Staates, insbesondere in Norditalien. Die zugrundeliegende Wissenschaft war irgendwo zwischen Falsch und Ungenau einzuordnen, die Beweggründe waren widersprüchlich, die Durchsetzung oft weitgehend dem Zufall überlassen. Es war kein Wunder, daß Kritiker diese Maßnahmen als teuer, ineffektiv und gefährlich tadelten. Der finanzielle Aufwand braucht kaum eigens betont zu werden: Die Bürokraten mußten bezahlt werden, und die Unterbrechungen des Handelsverkehrs führten zu Bankrotten. Die Wirksamkeit war fraglich: Oft gelang es der Pest, die Verteidigungslinien zu überwinden, und die Menschen fanden Mittel und Wege, den Restriktionen auszuweichen oder die Polizeikräfte zu überwältigen, welche sie durchzusetzen versuchten. Die Gefahr lag in der sozialen Unruhe, die auf Arbeitslosigkeit, hohe Preise für Nahrungsmittel und die Maßnahmen der Polizei folgen konnte.
    Erst 1894 wurde das Pathogen identifiziert: Dies gelang gleichzeitig Alexandre Yersin (einem ehemaligen Laborassistenten am Institut Pasteur in Paris) und dem Japaner Shibasaburo Kitasato (der bei Koch in Berlin studiert hatte). Sie isolierten beide die mikrobielle Ursache, ein von Rattenflöhen weitergegebenes Pathogen, und man nannte dieses Pasteurella pestis beziehungsweise Yersinia pestis, eine Benennung, in der sich ein Sieg europäischer Wissenschaft über die asiatische ausdrückte und ein Triumph Frankreichs über Deutschland. Die Pest blieb in Asien endemisch, wo immer wieder sporadische Ausbrüche auftraten, war aber aus Europa verschwunden (die letzte Epidemie trat dort 1720 in Marseille auf). Warum genau die Pest aus Europa verschwand, ist ein ungelöstes Rätsel der mikrobiellen Geschichte: Waren es Veränderungen in der Rattenpopulation, Änderungen in der Ökologie der Übertragungszonen in den östlichen Grenzländern des Kontinents, oder war es die Effektivität der Quarantänen und lazzaretti Europas?

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Medizin und Militär waren während der ganzen uns bekannten Geschichte in der Tat eng miteinander verbunden. Armeen waren sozusagen Epidemien auf dem Marsch; die Regimenter wurden häufiger durch Infektionen dezimiert als auf dem Schlachtfeld; Matrosen fielen Mangelerkrankungen wie dem Skorbut zum Opfer. Die skandalösen Bedingungen in den britischen Militärhospitälern des Krimkriegs (1853–1856) waren der Anlaß dafür, daß Florence Nightingale eine professionelle Versorgung durch Krankenschwestern begründete.
    Die biologische Kriegführung hat eine lange Geschichte, obwohl historische Erfolge eher auf Zufall als exakte Planung zurückzuführen waren. Eine Version von der Ankunft der Pest in Europa berichtet, daß die mongolische Armee, welche die Stadt Kaffa auf der Krim belagerte, infizierte Leichen mit Katapulten in die Stadt schleuderte. Diese Geschichte von den schauerlichen Projektilen mag wahr sein, aber die Pest läßt sich auf solche Weise nicht übertragen. Die spanische Eroberung Mexikos wurde zweifellos vom Ausbruch der Pocken unterstützt, deren Erreger auf den Schiffen der Konquistadoren mitreisten und bei ihrer ersten und tödlichsten Epidemie fast die Hälfte der immunologisch naiven Eingeborenen umbrachten, während die Invasoren – deren Gesichter die Pockennarben früherer, immunisierender Infektionen trugen – unberührt blieben.
    Nichts von alledem jedoch prägte der Medizin selbst ein militärisches Modell auf. Dies änderte sich mit der Einführung moderner industrieller Organisationsformen in die Kriegführung im Amerikanischen Bürgerkrieg und im Deutsch-Französischen Krieg 1870–1871. Dies waren auch die Anlässe, da die moderne Medizin und das Arsenal von Kontrollmaßnahmen für Epidemien zum selben Zweck eingesetzt wurden. Werkzeuge der Überwachung, Standardisierung und Reglementierung wurden gleichermaßen zum Aufbau des Staates, zur imperialen Expansion, industriellen Kriegführung und Kontrolle der Volksgesundheit eingesetzt. So, wie es beim Krieg schließlich um mehr ging als um Eroberung, ging es bei der öffentlichen Gesundheit bald nicht nur um diese.

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Was bedeutet all dies für COVID-19? Wir sehen uns einem neuen Virus mit ungewisser Epidemiologie gegenüber, das Krankheit, Tod und gesellschaftliche Verwerfungen in enormem Maßstab androht. Eben weil jeder Kommentator die Pandemie durch die Brille der eigenen Anliegen sieht, ist jetzt der Augenblick da, kritisch zu denken, die Pandemie in ihren Kontext zu stellen, Fragen aufzuwerfen.
    Die klarsten Fragen sind politischer Natur. Was sollte die Öffentlichkeit von ihrer jeweiligen Regierung fordern? Im Zuge eines harten Lernprozesses haben die AIDS-Aktivisten das Mantra entwickelt: „Lerne deine Epidemie kennen, handele nach ihrer Politik.“ Die Motive für bestimmte Maßnahmen der öffentlichen Gesundheitspolitik (und deren Konsequenzen) reichten immer weit über die Kontrolle von Krankheiten hinaus. Das politische Interesse besiegt die Wissenschaft – oder, genauer gesagt, das politische Interesse legitimiert bestimmte wissenschaftliche Sichtweisen und andere nicht. Pandemien sind Anlässe für politischen Wettbewerb, und die Geschichte legt nahe, daß Fakten und Logik hierbei Werkzeuge der Auseinandersetzung sind, nicht Schiedsrichter über das Ergebnis.
    Während die Gesundheitsbeamten die Öffentlichkeit auffordern, ihre normalen Aktivitäten einzustellen, damit sich die Übertragungskurve abflacht, rufen die Politiker auch dazu auf, mit unserer Kritik erst einmal aufzuhören, damit sie einem eventuellen Ausbruch des Unbehagens zuvorkommen können. Nur sehr selten in der jüngeren Geschichte hat der bürokratische, Gehorsam produzierende Modus des Regierens seitens des deep state quer über das ganze politische Spektrum hinweg so viel Zustimmung gefunden. Genau in einem solchen Moment, da die wissenschaftliche Rationalität gerühmt wird, müssen wir uns besonders genau die politischen Zwecke ansehen, denen ein derartiges Spezialwissen dient. Wenn wir auf Hamburg im Jahre 1892 zurückschauen, können wir leicht wahrnehmen, was Wissenschaft war und was Aberglaube. Unsere Kritikfähigkeit muß auf hoher Alarmstufe arbeiten, damit wir diese Unterscheidung auch heute treffen können.
    Gleichzeitig hat COVID-19 eine blasierte und mißtrauische Öffentlichkeit daran erinnert, wie sehr unser Wohlbefinden – in der Tat unsere ganze Existenz – von erstaunlichen Fortschritten der Medizin und des Gesundheitswesens in den letzten 140 Jahren abhängt. In einem beispiellosen Akt internationaler Zusammenarbeit kollaborieren Wissenschaftler über Grenzen hinweg und stellen professionelle Rivalitäten und finanzielle Interessen hintan, um zu einer Therapie und zu einem Impfstoff zu kommen. Die Menschen lernen auch die Arbeit der Epidemiologen zu schätzen, deren Prognosemodelle sich als erstaunlich genau herausstellen.
    Aber Epidemiologen sind nicht allwissend. Am Ende sind es alltägliche, intime, ungemessene menschliche Aktivitäten wie Händewaschen und soziale Distanz, welche den Unterschied machen zwischen einer Epidemiekurve, welche die Kapazitäten der Krankenhäuser einer Industrienation sprengt, und einer Entwicklung, die das nicht tut. Richards erinnert an die hoffnungsvolle Lektion der Ebola-Krise: „Es ist beeindruckend, wie rasch Gemeinschaften lernten, wie Epidemiologen zu denken, und Epidemiologen, wie Gemeinschaften zu denken.“ Es ist dieses gemeinsame Lernen – gegenseitiges Vertrauen zwischen Experten und gewöhnlichen Menschen –, das uns die größte Hoffnung dafür gibt, daß wir COVID-19 unter Kontrolle bringen könnten. Wir sollten keinen allzu simplen Tausch von Sicherheit gegen Freiheit voraussetzen, sondern die ergriffenen Maßnahmen nachdrücklicher demokratischer Prüfung unterziehen – nicht nur, weil wir an Gerechtigkeit, Transparenz und Verantwortlichkeit glauben, sondern weil dies sich nachweislich positiv auf die öffentliche Gesundheit auswirkt.
    Dabei ist es ungeheuer wichtig, daß wir auf unsere Sprache achten und auf die Metaphern, welche unser Denken prägen. Wissenschaftler übersetzen (fundamentale) Unsicherheit in (meßbares) Risiko; der öffentliche Diskurs verläuft in Kanälen, die der Gebrauch von militärischen Modellen für die Epidemiekontrolle über hundert Jahre hinweg ausgehöhlt hat. Durch eine Art von Zoonose, die von der Metaphorik auf die Politik überspringt, könnte das „Bekämpfen“ des Coronavirus im schlimmsten Falle Militär auf die Straßen und Polizeiüberwachung in unser Privatleben bringen. Eher triviale Hilfsangebote von Großkonzernen, von der Agitationskanzel des Weißen Hauses herabtrompetet, erscheinen fälschlich bedeutsamer als die Solidaritätsakte unterbezahlter und überarbeiteter Pflegekräfte, die jeden Tag bewußt ein Risiko eingehen. Andere demokratische Reaktionen sind notwendig und möglich; wir müssen sie durch Denken und Reden herbeiführen.
    Der vielleicht am schwierigsten zu vollziehende Paradigmenwechsel wird es sein, die Erreger der Infektion nicht als Aliens zu betrachten, sondern als einen Teil von uns – unserer DNS, unserer Mikrobiome und der Ökologie, die wir im Anthropozän verändern.

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Mehr von:
Alex de Waal
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 12
Aus dem Englischen von Joachim Kalka

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